Queere Lebensrealitäten in der Ukraine

Alle Berichte wurden uns zur Verfügung gestellt mit freundlicher Genehmigung von You Are Not Alone („Ty ne Odyn“), unserer Partnerorganisation in der Ukraine.

Kaya, Region Kyjiw

Kaya, eine trans Frau, lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in einem holzbeheizten Haus in der Region Kyjiw. Nach Stromausfällen und steigenden Brennstoffpreisen sind die Heizkosten für die Familie kaum noch zu stemmen. Kaya arbeitet als Straßenbahn-Kontrolleurin, doch ihr Einkommen deckt gerade so die Nebenkosten. Eine andere Stelle zu finden, ist für sie besonders schwer: Wiederholt wurde sie nach Vorstellungsgesprächen wegen Vorurteilen gegenüber ihrem Erscheinungsbild abgelehnt. Ihre Mutter leidet an chronischen Erkrankungen und ist auf regelmäßige Medikamente angewiesen. So steht die Familie diesen Winter vor einer unmöglichen Entscheidung: Medikamente, Essen oder Feuerholz.

Marta (30) und Alina (28), lesbisches Paar

Marta und Alina sind gemeinsam aus einer Frontstadt evakuiert. Im Aufnahmezentrum für Binnenvertriebene wurde ihnen die gemeinsame Unterbringung in einem Zimmer verweigert, weil sie „laut Dokumenten keine Familie“ sind. Dadurch mussten sie sich getrennt von anderen Familien und zu höheren Kosten eine Unterkunft suchen. Auch bei der Verteilung humanitärer Hilfe, die pro Familie berechnet wird, wurden sie als zwei Einzelpersonen behandelt – und erhielten dadurch insgesamt weniger. Sie benötigen Unterstützung bei der Miete, bei Lebensmitteln und bei rechtlicher Beratung.

© You Are Not Alone

Olena, 45 Jahre, pflegt ihre Partnerin nach einer Verletzung

Olena lebt seit über 12 Jahren mit ihrer Partnerin zusammen. Nach einem Angriff wurde ihre Partnerin schwer verletzt. Im Krankenhaus wurde Olena jedoch nicht als „nahe Angehörige“ anerkannt – sie erhielt keine vollständigen Informationen zu ihrem Gesundheitszustand und konnte keinen Teil der staatlichen Hilfe beantragen, da diese ausschließlich „Familienangehörigen“ zusteht.

Olena braucht Unterstützung für Behandlung, Rehabilitation und rechtlichen Beistand.

Serhiy, 58 Jahre, Region Schytomyr

Serhiy hat seine sexuelle Orientierung sein Leben lang nicht offen gelebt. Nachdem sein Haus zerstört wurde, zog er zu Freund:innen in ein Dorf. Aus Angst vor Stigmatisierung wendet er sich kaum an lokale Hilfsangebote und ist dadurch weitgehend isoliert. Familiäre Unterstützung hat er nicht. Serhiy braucht Hilfe bei grundlegenden Bedarfen, warmer Kleidung, Medikamenten – und sozialen Anschluss, den er sich aus Angst vor Ablehnung bisher selbst verwehrt hat.

Vlad, 24 Jahre, Region Donezk

Vlad lebt seit seiner Evakuierung zur Miete. Sein zerstörtes Elternhaus liegt in besetztem Gebiet und ist offiziell auf seine dort verbliebenen Eltern eingetragen – für Vlad selbst besteht daher kein Weg, eine Entschädigung zu beantragen. Als queere Person kommt für ihn eine Rückkehr wegen der Gefahr von Gewalt ohnehin nicht infrage. Er braucht Unterstützung bei Miete und grundlegenden Lebenshaltungskosten.

Oleg (27) und Denis (30), Kyjiw

Die Mietwohnung von Oleg und Denis wurde bei einem Angriff beschädigt. Der Vermieter weigerte sich, für die Reparatur aufzukommen, und forderte die beiden auf, auszuziehen – eine Entschädigung konnten sie als Mieter ohnehin nicht beantragen. Weil sie offiziell nicht als Familie anerkannt sind, wurde ihnen auch humanitäre Hilfe getrennt und in geringerem Umfang zugeteilt. Beide arbeiten inoffiziell, ihr Einkommen ist entsprechend unsicher. Sie brauchen Unterstützung bei der Wohnungssuche, bei Grundausstattung und bei Lebensmitteln.