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Vier Jahre Vollinvasion: Queeres Leben und Widerstand im fünften Kriegsjahr

Während der russische Angriffskrieg ins fünfte Jahr ging, erlebte die ukrainische Bevölkerung den härtesten Winter seit Kriegsbeginn. Russland nutzt gezielt die extremen Wetterbedingungen als Mittel der Kriegsführung: Angriffe auf Energie- und Versorgungsinfrastruktur setzen die Menschen einem zermürbenden Kälteterror aus.

Für queere Menschen verschärfen sich diese Bedingungen massiv: Sie leben ohnehin unter Diskriminierung und Ausgrenzung, können oft nicht auf Unterstützung aus ihrem direkten sozialen Umfeld zählen, und ihre Rechte und Bedürfnisse werden in vielen Fällen von konventioneller humanitärer Hilfe nicht berücksichtigt. Sie sind daher besonders auf Peer-Communities, sichere Unterkünfte, psychosoziale Hilfe und bedarfsgerechte Beratung angewiesen.

Anlässlich des Jahrestages der russischen Vollinvasion in der Ukraine kamen wir als QNU zusammen, um die strategische Entwicklung des Bündnisses gemeinsam zu erarbeiten.

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QNU Zukunftswerkstatt 2026: Arbeitsgruppenmitglieder des Bündnisses und zugeschaltete Vertreter*innen der Partnerorganisationen.

Im Rahmen des Wochenendes gaben Vertreter*innen unserer ukrainischen Partnerorganisationen You Are Not Alone und VirusOFF sowie der deutsch-ukrainischen LSBTIQ+-Organisation Kwitne Queer Einblicke in die aktuelle Situation und ihre Arbeit. Dabei wurde erneut deutlich, mit welcher Ausdauer, Tatkraft und Handlungsfähigkeit die ukrainische Organisationen und die Community in den vergangenen Jahren agieren: Wie sie unter Kriegsbedingungen Strukturen aufrechterhalten, dringend benötigte Unterstützung organisieren und gleichzeitig Resilienz sowie Selbstorganisation innerhalb der Community stärken.

LGBTIQ+ in der Ukraine: Zwischen Diskriminierung, Krieg und Community-Stärkung

Die Berichte der Partnerorganisationen zeichnen ein differenziertes Bild der aktuellen Lage von lgbtiq+ Personen in der Ukraine, die einer doppelten Bedrohung ausgesetzt sind: Während Russland Homophobie und anti-LGBTIQ+-Narrative als strategisches Mittel einsetzt, um demokratische Werte zu untergraben und die europäische Integration zu blockieren, verstärken konservative Kräfte innerhalb der Ukraine die rechtlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen. Besonders trans Personen stehen vor gravierenden Herausforderungen, etwa bei Wehrpflichtregelungen und medizinischer Versorgung. Hinzu kommt die zusätzliche politische Erosion der LGBTIQ+-Rechtslage durch geplante Änderungen im Zivilrecht, die eine Neudefinition von Familie vorsehen und queere Familienkonstellationen ausschließen könnten.

Die ukrainischen Organisationen reagieren auf diese komplexe Lage mit einer kontinuierlichen Anpassung ihrer Arbeit. Zu Beginn der Vollinvasion lag der Fokus auf akuter humanitärer Hilfe, etwa durch Schutzräume, Evakuierung und Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. Mittlerweile stehen langfristige Unterstützung, der Ausbau von Community-Strukturen, gezielte Programme für besonders vulnerable Gruppen – insbesondere trans Personen – sowie finanzielle und psychosoziale Hilfe im Vordergrund. Dabei gewinnen Bildungs- und Informationsarbeit sowie die Stärkung lokaler Netzwerke ebenfalls an Bedeutung. Trotz dieser Weiterentwicklung bleibt die Sicherstellung grundlegender Versorgung, besonders im Winter, eine zentrale Herausforderung.

Dies erfordert – so betonen die Organisationen – insbesondere internationale Unterstützung, eine klare Positionierung europäischer Institutionen zum Schutz der Menschenrechte, direkte finanzielle Hilfe sowie langfristige, transparente Partnerschaften.

Wir sind aus dem Wochenende – und ins neue Jahr der russischen Vollinvasion – mit einem noch klareren Verständnis für die Lage und Bedürfnisse queerer Menschen in der Ukraine hervorgegangen – und mit einer klareren strategischen und organisatorischen Ausrichtung für unsere weitere Arbeit in der queeren Nothilfe.

Die aktuellen rechtspolitischen Entwicklungen in der Ukraine (und weltweit) machen deutlich, wie dringend nötig es ist, weiter dranzubleiben. Gleichzeitig haben uns die letzten vier Jahre gezeigt, was selbst in den kritischsten Zeiten durch Solidarität möglich ist.

Wir machen an der Seite der queeren Menschen in der Ukraine weiter.