Kategorien
Allgemein

Exklusive Preview: The Queer Face of War

Online Book Talk mit J. Lester Feder, 8. April 2026

QNU lädt zu einem Online-Gespräch mit dem preisgekrönten Journalisten und Fotografen J. Lester Feder ein und gibt Dir dabei einen exklusiven Einblick in sein Projekt The Queer Face of War: Portraits and Stories from Ukraine. Das Projekt ist – in Zusammenarbeit mit QNU – für das offizielle „Offstage“-Programm des Eurovision Song Contests ausgewählt worden und wird außerdem beim WorldPride 2026 in Amsterdam präsentiert.

The Queer Face of War – Online Book Talk mit J. Lester Feder:
Mittwoch, 8. April, 19:00 Uhr
Hier teilnehmen

Das Gespräch findet auf Englisch statt.
Wir möchten darauf hinweisen, dass der Talk aufgezeichnet wird, um die Aufzeichnung im Rahmen des Projekts verwenden zu können.

© J. Lester Feder

The Queer Face of War ist die erste umfassende Dokumentation einer queeren Community im Krieg. Das Projekt gibt queeren Ukrainer*innen – darunter Soldat*innen, Sanitäter*innen, Aktivist*innen, Geflüchtete und Überlebende – eine Stimme. Es erzählt, wie Russland im Kampf gegen die Demokratie und die ukrainische Annäherung an die EU Homophobie instrumentalisiert, und wie queere Ukrainer*innen dagegen ankämpfen. Ihre Stimmen zeugen von Realitäten, die sonst verborgen blieben, und bilden ein wesentliches Zeugnis queerer Geschichte – und eines entscheidenden Moments für die Demokratie.

Lester wird darüber sprechen, wie das Projekt entstanden ist, einige Geschichten und Fotos vorstellen und erläutern, warum der ukrainische Kampf für LGBTIQ+ Menschen weltweit relevant ist.

Mit dabei im Gespräch ist auch Yevheniia Kvasnevska, eine der im Projekt porträtierten Personen. Moderiert wird das Gespräch von Luce DeLire, Assistant Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Teilnahme ist kostenlos, wir sind jedoch dankbar für Spenden jeder Höhe, die entscheidend dazu beitragen, die Europa-Tour von The Queer Face of War in diesem Sommer zu realisieren.

Die Tour wird neben dem Eurovision Song Contest und WorldPride auch Stationen in Berlin und Kyiv umfassen. QNU unterstützt das Projekt, um die anhaltende Bedeutung der Unterstützung der Ukraine ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und internationale Solidarität unter lgbtiq+ Menschen und Communities zu stärken, die Angriffen durch autoritäre Regime und Bewegungen ausgesetzt sind.

Du kannst per Überweisung, über unser Online-Spendenformular oder im Rahmen unserer Crowdfunding-Kampagne spenden.

Über J. Lester Feder:
J. Lester Feder ist ein US-amerikanischer Journalist ukrainischer Abstammung, der seit über einem Jahrzehnt in und um die Ukraine berichtet. Zuvor war er Senior World Correspondent bei BuzzFeed News; seine Arbeiten erschienen u. a. in The New York Times, The Washington Post, The New Yorker, Rolling Stone und Vanity Fair. Sein Essay für die Sunday Opinion Section der New York Times, „Putin Is Showing Us What Homophobia Looks Like as a Weapon of War“, wurde 2024 mit dem Excellence in Journalism Award der National Association of LGBTQ Journalists ausgezeichnet, die ihn zuvor auch als Journalist des Jahres ehrte.

Wir freuen uns auf Deine Teilnahme!

Kategorien
Allgemein

Vier Jahre Vollinvasion: Queeres Leben und Widerstand im fünften Kriegsjahr

Während der russische Angriffskrieg ins fünfte Jahr ging, erlebte die ukrainische Bevölkerung den härtesten Winter seit Kriegsbeginn. Russland nutzt gezielt die extremen Wetterbedingungen als Mittel der Kriegsführung: Angriffe auf Energie- und Versorgungsinfrastruktur setzen die Menschen einem zermürbenden Kälteterror aus.

Für queere Menschen verschärfen sich diese Bedingungen massiv: Sie leben ohnehin unter Diskriminierung und Ausgrenzung, können oft nicht auf Unterstützung aus ihrem direkten sozialen Umfeld zählen, und ihre Rechte und Bedürfnisse werden in vielen Fällen von konventioneller humanitärer Hilfe nicht berücksichtigt. Sie sind daher besonders auf Peer-Communities, sichere Unterkünfte, psychosoziale Hilfe und bedarfsgerechte Beratung angewiesen.

Anlässlich des Jahrestages der russischen Vollinvasion in der Ukraine kamen wir als QNU zusammen, um die strategische Entwicklung des Bündnisses gemeinsam zu erarbeiten.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist QNU-Zukunftswerkstatt-3-1024x699.png
QNU Zukunftswerkstatt 2026: Arbeitsgruppenmitglieder des Bündnisses und zugeschaltete Vertreter*innen der Partnerorganisationen.

Im Rahmen des Wochenendes gaben Vertreter*innen unserer ukrainischen Partnerorganisationen You Are Not Alone und VirusOFF sowie der deutsch-ukrainischen LSBTIQ+-Organisation Kwitne Queer Einblicke in die aktuelle Situation und ihre Arbeit. Dabei wurde erneut deutlich, mit welcher Ausdauer, Tatkraft und Handlungsfähigkeit die ukrainische Organisationen und die Community in den vergangenen Jahren agieren: Wie sie unter Kriegsbedingungen Strukturen aufrechterhalten, dringend benötigte Unterstützung organisieren und gleichzeitig Resilienz sowie Selbstorganisation innerhalb der Community stärken.

LGBTIQ+ in der Ukraine: Zwischen Diskriminierung, Krieg und Community-Stärkung

Die Berichte der Partnerorganisationen zeichnen ein differenziertes Bild der aktuellen Lage von lgbtiq+ Personen in der Ukraine, die einer doppelten Bedrohung ausgesetzt sind: Während Russland Homophobie und anti-LGBTIQ+-Narrative als strategisches Mittel einsetzt, um demokratische Werte zu untergraben und die europäische Integration zu blockieren, verstärken konservative Kräfte innerhalb der Ukraine die rechtlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen. Besonders trans Personen stehen vor gravierenden Herausforderungen, etwa bei Wehrpflichtregelungen und medizinischer Versorgung. Hinzu kommt die zusätzliche politische Erosion der LGBTIQ+-Rechtslage durch geplante Änderungen im Zivilrecht, die eine Neudefinition von Familie vorsehen und queere Familienkonstellationen ausschließen könnten.

Die ukrainischen Organisationen reagieren auf diese komplexe Lage mit einer kontinuierlichen Anpassung ihrer Arbeit. Zu Beginn der Vollinvasion lag der Fokus auf akuter humanitärer Hilfe, etwa durch Schutzräume, Evakuierung und Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. Mittlerweile stehen langfristige Unterstützung, der Ausbau von Community-Strukturen, gezielte Programme für besonders vulnerable Gruppen – insbesondere trans Personen – sowie finanzielle und psychosoziale Hilfe im Vordergrund. Dabei gewinnen Bildungs- und Informationsarbeit sowie die Stärkung lokaler Netzwerke ebenfalls an Bedeutung. Trotz dieser Weiterentwicklung bleibt die Sicherstellung grundlegender Versorgung, besonders im Winter, eine zentrale Herausforderung.

Dies erfordert – so betonen die Organisationen – insbesondere internationale Unterstützung, eine klare Positionierung europäischer Institutionen zum Schutz der Menschenrechte, direkte finanzielle Hilfe sowie langfristige, transparente Partnerschaften.

Wir sind aus dem Wochenende – und ins neue Jahr der russischen Vollinvasion – mit einem noch klareren Verständnis für die Lage und Bedürfnisse queerer Menschen in der Ukraine hervorgegangen – und mit einer klareren strategischen und organisatorischen Ausrichtung für unsere weitere Arbeit in der queeren Nothilfe.

Die aktuellen rechtspolitischen Entwicklungen in der Ukraine (und weltweit) machen deutlich, wie dringend nötig es ist, weiter dranzubleiben. Gleichzeitig haben uns die letzten vier Jahre gezeigt, was selbst in den kritischsten Zeiten durch Solidarität möglich ist.

Wir machen an der Seite der queeren Menschen in der Ukraine weiter.

Kategorien
Allgemein

Förderausschreibung Winter 2025/2026 – Queere Nothilfe Ukraine

Die Queere Nothilfe Ukraine fördert im Rahmen dieser Ausschreibung Projekte, die gezielt queere Menschen in der Ukraine im Winter 2025/2026 unterstützen.

Förderanträge können nur durch als gemeinnützig anerkannte Organisationen bis zu einer Höhe von maximal 15.000 Euro gestellt werden. Die Mindestfördersumme beträgt 2.000 EUR. Die insgesamt im Rahmen dieser Ausschreibung zur Verfügung stehende Summe an Fördergeldern beträgt 70.000 EUR.

Es können nur Bewerbungen berücksichtigt werden, die über das offizielle QNU-Antragsformular eingereicht werden. In diesem muss eine Beschreibung des Projekts und der erwarteten Wirkung enthalten sein. Zudem muss ein entsprechender Finanzplan als Anlage beigefügt werden.

Antragsfrist: 12. November 2025

Förderzeitraum: Winter 2025/2026

Nach Bewilligung können die Mittel für die Umsetzung des Projekts bis Ende März 2026 eingesetzt werden.

Bewerbung und Rückfragen an:

Queere Nothilfe Ukraine

ag-finanzen@queere-nothilfe-ukraine.de

This call for proposals is also available in English

Kategorien
Allgemein

Tätigkeitsbericht 2022-2024: 3,5 Jahre Krieg, ungebrochene queere Solidarität

Zum 34. Unabhängigkeitstag veröffentlicht die Queere Nothilfe Ukraine ihren ersten Bericht zur Unterstützung in der Ukraine

The press release is also available in English

Berlin, 24. August 2025 – Zum 34. Unabhängigkeitstag der Ukraine veröffentlicht das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine (QNU) einen umfassenden Tätigkeitsbericht. Der Zusammenschluss von LSBTIQ+-Organisationen aus Deutschland hat sich 2022 am ersten Tag nach Kriegsbeginn als direkte Reaktion auf die humanitäre Notlage queerer Menschen gegründet. Denn queeres Leben ist im Krieg besonders bedroht: durch strukturelle Ausgrenzung, Unsichtbarkeit und konkrete Gefahr für Leib und Leben. Der Bericht für die Jahre 2022 bis 2024 dokumentiert diese Hilfe, beleuchtet die besonderen Bedarfe queerer Menschen im Krieg und zeigt, was es bedeutet, wenn queere Menschen einander nicht alleinlassen.

Seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges ist die 1991 von der Sowjetunion erlangte Unabhängigkeit der Ukraine erneut akut bedroht. In einem Referendum im Dezember 1991 hatten über 90 % der Bevölkerung die staatliche Eigenständigkeit bekräftigt. Heute, am 24. August 2025, über 30 Jahre später, werden die territoriale Integrität und staatliche Souveränität des Landes durch den Krieg massiv infrage gestellt.

Der Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist existenziell und vielschichtig

Für queere Menschen in der Ukraine ist der Wunsch nach Unabhängigkeit – und die Bedrohung eben jener – nicht nur ein geopolitisches Anliegen. Es ist, wie Oleksandra Semenova, Koordinatorin und stellvertretende Leiterin der ukrainischen LSBTIQ+-Hilfsorganisation You Are Not Alone, einer Partnerorganisation von QNU, erklärt: “eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung“.

Die langjährige Auseinandersetzung queerer Menschen mit Ausgrenzung, Sichtbarkeit und Rechten spiegelt sich nun in einem größeren politischen Kontext wider. Gleichzeitig verschärft sich ihre Bedrohungslage, indem die gesellschaftliche Marginalisierung und Gewalt drastisch zunehmen. Dazu sagt Semenova weiter:

“Es ist ein Tag, an dem wir uns bewusst machen, dass unser Kampf um Unabhängigkeit viele Ebenen hat. Wir wehren uns nicht nur gegen einen äußeren Feind – wir kämpfen auch für das Recht, wir selbst sein zu dürfen in unserer eigenen Gesellschaft: sichtbar zu sein, sicher zu leben, ohne Angst zu existieren.”

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone

Ungebrochene Solidarität: Großzügige Spendenbereitschaft aus der queeren Community und ihren Allys

Seit 3,5 Jahren arbeitet das Bündnis dafür, queeren Menschen in und aus der Ukraine konkrete Hilfe zu leisten und langfristige strukturelle Veränderungen zu fördern. Allein im ersten Jahr hat das Bündnis 800.000 Euro gesammelt – eine in diesem Umfang bislang einzigartige LSBTIQ+-spezifische Spendenaktion in Deutschland.

Zum Tag der ukrainischen Unabhängigkeit legt QNU nun seinen Tätigkeitsbericht für die Jahre 2022–2024 vor, um Bilanz zu ziehen, Einblicke zu bieten und Sichtbarkeit zu schaffen.

Der Bericht macht deutlich, wie QNU gemeinsam mit tausenden engagierten Unterstützer*innen Hilfe für queere Menschen in und aus der Ukraine leisten konnte. Getragen wird all das von Solidarität: Seit der Gründung wird das Projekt von leidenschaftlich engagierten Menschen aus der queeren Community ehrenamtlich vorangetrieben – von Menschen, die sich an die Seite der ukrainischen Verbündeten gestellt haben. Zu ihnen gehört Pavlo Stroblja, Gründer von Queermentor, der seit Jahren eine maßgebliche Rolle im Bündnis spielt:

„Als queerer Ukrainer weiß ich, was es heißt, um Sichtbarkeit und Sicherheit zu kämpfen – nicht nur politisch, sondern existenziell. Der Krieg trifft queere Menschen doppelt: Wir verteidigen unsere staatliche Unabhängigkeit – und zugleich unser Recht, als wir selbst zu leben. Wenn unsere Identität angegriffen wird, antworten wir mit Integrität. Reclaiming ist unser Weg aufzustehen – und andere mit uns zu tragen. Die Queere Nothilfe Ukraine steht für genau das: für gelebte Solidarität, für Schutzräume im Ausnahmezustand, und für eine Zukunft, in der Unabhängigkeit auch für queere Menschen zählt.“  

– Pavlo Stroblja, Queermentor und TEDx Speaker

Mehr als Partnerschaft: Internationale Zusammenarbeit mit Wirkung vor Ort 

Eine ukrainische Partnerorganisation, die QNU in den vergangenen Jahren finanziell fördern konnte, ist die Menschenrechtsorganisation Gender Zed. Durch die Kooperation konnten unter anderem der Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten über ein Apotheken-Zertifikatssystem gesichert, psychologische Beratungen in der Region Saporischschja angeboten sowie Umzugs- und Wohnkosten für evakuierte Mitarbeitende übernommen werden.

Für Gender Zed war diese Zusammenarbeit mehr als nur eine Partnerschaft – sie wurde zu einem echten Beispiel internationaler Solidarität, basierend auf Vertrauen, Flexibilität und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der LGBTQ+-Community in Kriegszeiten.

– Rostyslav Milevskjy, Gender Zed

Die Lage ist weiterhin ernst – Unterstützung bleibt unerlässlich

Trotz enormer Solidarität, überwältigender Spendenbereitschaft von der Community und Allys sowie eines gewachsenen Partnernetzwerks bleibt die Lage vieler queerer Menschen in der Ukraine und auf der Flucht prekär. Der Krieg dauert an – ebenso wie die Notwendigkeit konkreter Hilfe und nachhaltiger Strukturförderung.

Wer spenden und queere Menschen in und aus der Ukraine weiterhin unterstützen möchte, findet alle notwendigen Informationen auf der Spendenseite der QNU.

Mehr Informationen, Zahlen und Einblicke finden Sie in dem Tätigkeitsbericht 2022–2024.

Über das Aktionsbündnis

Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland. Es unterstützt queere Menschen, die aus der Ukraine fliehen mussten oder noch im Land sind. Unter diesem Link finden Sie eine Übersicht der beteiligten Organisationen, Petitionsunterzeichner*innen sowie Bildmaterial und weiterführende Informationen.

Bei Rückfragen oder Interview-Anfragen wenden Sie sich bitte an:

Louise Juhl | presse@queere-nothilfe-ukraine.de

Kategorien
Allgemein

34. Unabhängigkeitstag – 3,5 Jahre Krieg

Berichte aus der queeren Community

This page is also available in English.

Am Sonntag, dem 24. August, feiert die Ukraine ihren 34. Unabhängigkeitstag – doch die 1991 von der Sowjetunion erlangte Unabhängigkeit bleibt seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges akut bedroht. Heute, über 30 Jahre später, werden die territoriale Integrität und staatliche Souveränität des Landes durch den Krieg massiv infrage gestellt.

Im Folgenden geben wir Berichte und direkte Perspektiven aus der queeren Community in der Ukraine wieder: zur Bedeutung des Tages, zur langjährigen und alltäglichen Auseinandersetzung mit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sowie zu ihrer Sicht auf die aktuelle Lage.

Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist vielschichtig

Für queere Menschen in der Ukraine ist der Wunsch nach Unabhängigkeit – und die Bedrohung ebenjener – nicht nur ein geopolitisches Anliegen. Es ist, wie Oleksandra Semenova, Koordinatorin und stellvertretende Leiterin der ukrainischen LSBTIQ+-Hilfsorganisation You Are Not Alone erklärt: “eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung“.

Die langjährige Auseinandersetzung queerer Menschen mit Ausgrenzung, Sichtbarkeit und Rechten spiegelt sich nun in einem größeren politischen Kontext wider. Gleichzeitig verschärft sich ihre Bedrohungslage, indem die gesellschaftliche Marginalisierung und Gewalt drastisch zunehmen.

Die Äußerungen zeichnen ein Bild einer prekären Lage und zugleich eines stärkenden Selbstbewusstseins, von Mut, Wirksamkeit und vor allem der Hoffnung auf eine ideologisch freie, strukturell inklusive und gleichberechtigte Zukunft der Ukraine.

Die Statements sind hier in der Originalsprache (Englisch) zu lesen.

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone:

Für LGBTQI+-Personen in der Ukraine ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein nationaler Feiertag. Er ist eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung. Er ist ein Tag, der uns daran erinnert, dass unser Kampf um Unabhängigkeit vielschichtig ist. Wir wehren uns nicht nur gegen einen äußeren Feind – wir kämpfen auch für das Recht, innerhalb unserer eigenen Gesellschaft wir selbst zu sein: sichtbar, sicher und ohne Angst leben zu können.

Selbst in Friedenszeiten war dieser Kampf nie einfach. Doch während des großangelegten Krieges ist er noch schwieriger – und noch dringlicher. In Zeiten des Überlebens werden Stimmen von Minderheiten oft an den Rand gedrängt. Wir sind jedoch überzeugt, dass Menschenrechte nicht „auf nach dem Krieg“ verschoben werden können. Sie müssen geschützt werden – gerade in Krisenzeiten.

LGBTQI+-Personen sind Teil des Widerstands in der Ukraine – an vorderster Front, in Freiwilligennetzwerken, in der humanitären Hilfe. Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Und wir wollen Teil des Sieges der Ukraine sein – eines Sieges, der alle umfasst. Deshalb ist der Unabhängigkeitstag für uns auch ein Tag der Hoffnung: die Hoffnung, dass in der neuen Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen, Raum für uns alle sein wird.

Rostyslav Milevskjy, Gender Zed:

Genau vor dreieinhalb Jahren hat der Feind uns offiziell den Krieg erklärt – obwohl die Versuche, unser Land zu besetzen, bereits 2014 begonnen hatten. Die Russen dachten, wir hätten keine Chance, aber wir haben standgehalten. Denn wir sind ein freies Volk, das sich auf eine Zukunft zubewegt, in der Ungleichheit keinen Platz hat. Stattdessen wird es eingetragene Partnerschaften geben, und Hassverbrechen werden ordnungsgemäß ermittelt.

Um dieser Zukunft näherzukommen, rufen wir bei Gender Zed jeden Tag dazu auf, sich selbst zu respektieren, andere in schwierigen Zeiten zu unterstützen und sich dem Hass in der Gesellschaft entgegenzustellen. Und wenn wir das tun, werden wir erfolgreich sein. Denn in unserer Welt siegt immer noch nicht die rohe Gewalt, sondern die Wahrheit.

LGBT+-Menschen engagieren sich ehrenamtlich, dienen an der Front und träumen von Frieden in unserem Land. Sie sind vielfältig, doch jede*r Einzelne bringt den Sieg auf ihre eigene Weise näher. An diesem Tag denken wir fortwährend an den Sieg – und tun, was wir können, um ihn näherzubringen.

Vladyslav Fomin, UAV Operator, 153 Snipers Centre

Wenn ich davon spreche, was der ukrainische Unabhängigkeitstag für mich persönlich bedeutet … dann dient dieser Tag für mich als eine ‚Erklärung‘ an die ganze Welt – an Demokratien, Autokratien und totalitäre Staaten gleichermaßen: Wir existieren, wir kämpfen, wir leben und sterben für das Recht, Ukrainer*innen zu sein.

Er ist unser Fahnenmast, trotzig erhoben vor den Rachen unseres postkolonialen Erbes – das kollektive, tief empfundene Verlangen der ukrainischen Nation, das Gestalt und Bedeutung angenommen hat. Und wenn ich sehe, wie verzweifelt der Feind versucht, es uns zu entreißen, begreife ich, dass es von Wert ist. Und ich möchte, dass auch andere Ukrainer*innen das verstehen.

Bevor ich den ukrainischen Verteidigungskräften beitrat, habe ich das nicht so erkannt wie jetzt: dass meine Handlungen etwas verändern können. Dass ich das Recht habe, dieses Land ‚mein‘ zu nennen. Dass ich eine*r von vielen bin, die das Fundament unserer Nation Stein für Stein legen – trotz der Kräfte, die lieber sähen, ich würde dies nie erkennen. Ein Mensch ist nichts ohne den Heimatboden unter seinen Füßen, und ich bin nichts ohne mein Land, die Ukraine.

Oleg Alyokhin, Liga:

Vor dem Ausbruch des Großen Krieges mit Russland war der Unabhängigkeitstag der Ukraine für mich nur ein Feiertag – ein Moment, in dem das ganze Land auf das vergangene Jahr zurückblickt und von der Zukunft träumt.

Heute ist dieser Tag für mich ein Tag des tiefen Nachdenkens, des Spürens von Schmerz und Entschlossenheit. Ein Tag, an dem ich mich als Teil der großartigen Menschen fühlen kann, die für das Recht kämpfen, sie selbst zu sein. Denn ich bin Ukrainer. Und für mich bedeutet es, Ukrainer zu sein, mit Würde zu leben, für die Wahrheit zu kämpfen und deine Liebsten zu schützen.

Freiheit und Liebe sind meine Religion. Sie sind es, die mich und andere im Land halten. Deshalb liebe die Ukraine – an jedem einzelnen Tag, so wie an Feiertagen und selbst in den dunkelsten Zeiten – und trage sie in deinem Herzen.

Mariia Maruzhenko, Fulcrum UA:

Für mich ist der 24. August mehr als nur ein nationaler Feiertag. Es ist ein Tag, an dem ich mich frage: Welche Ukraine sind wir, und welche Ukraine wollen wir werden?

Heute geht es bei der Unabhängigkeit der Ukraine nicht nur darum, ihre Grenzen gegen Aggressoren zu verteidigen. Es geht um die Fähigkeit, eine Gesellschaft aufzubauen, die die Würde des Menschen und das Recht auf Sichtbarkeit achtet und schützt. Und genau deshalb war dieses Anliegen für uns, die LGBTQ+-Ukrainer*innen, schon immer persönlich.

Während des Krieges verteidigen Hunderte unserer Brüder und Schwestern unser Land, aber rechtlich bleiben sie für den Staat unsichtbar. Sie leben jahrelang in Beziehungen, bauen ein gemeinsames Leben auf, doch im Falle von Verletzung oder Tod haben ihre Partner^innen keine Rechte – keinen Zugang zu Ärzt^innen, keine staatliche Unterstützung, nicht einmal das Recht, Abschied zu nehmen.

Die NGO Fulcrum UA hat gemeinsam mit Abgeordneten einen Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften ausgearbeitet, der es ermöglicht, Rechte an die nächste Bezugsperson zu übertragen. Dabei geht es nicht um „Rechte“ für LGBTQ+-Personen – es geht um gleichwertigen rechtlichen Schutz für alle: für LGBTQ+-Soldatinnen, die ihre Partnerinnen schützen wollen, für Menschen, die gemeinsam ein Geschäft führen, für diejenigen, die ihr Eigentum schützen oder in schwierigen Situationen Entscheidungen treffen möchten.

Die Ukraine hat Verpflichtungen gegenüber sich selbst und der Welt. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Maymulakhin und Markiv gegen Ukraine“ (“Case of Maymulakhin and Markiv v. Ukraine”) stellt deutlich fest, dass die Ukraine den rechtlichen Status von gleichgeschlechtlichen Paaren sicherstellen muss. Ungarn hat trotz aller Schwierigkeiten kürzlich einen Schritt nach vorne gemacht: Das Verfassungsgericht hat dort gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, als eingetragene Partnerschaften anerkannt. Das bestätigt, dass auch in konservativen Ländern Veränderung möglich ist.

Unser Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften bezieht sich sowohl auf eine europäische Zukunft als auch auf den Wert jeder Bürgerin und jedes Bürgers hier und jetzt. Er ändert nicht die Definition von Ehe und fällt keine moralischen Urteile; er schafft ein Instrument, um Rechte und Pflichten zu übertragen.

Ein starkes Land ist eines, das in der Lage ist, seine eigenen Menschen zu schützen – auch und gerade in Kriegszeiten. Wir bauen eine Ukraine auf, die sich nicht nur in ihrer Flagge von Russland unterscheidet, sondern auch in ihren Werten. Wo Menschenrechte im Krieg nicht wegfallen. Wo Gleichheit kein Schlagwort für internationale Berichte ist, sondern Realität für jeden Menschen.

Deshalb feiern wir an diesem Unabhängigkeitstag nicht nur die Vergangenheit. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der jede*r von uns sichtbar, gleichberechtigt und geschützt ist.

Oleh Maksymiak, Fulcrum UA:

Für einen LGBTQ+-Ukrainerin markiert der Unabhängigkeitstag einen Anfang. Er ist der Beginn einer langsamen, aber tiefgreifenden Wiedergeburt und Transformation unserer Gesellschaft. Es war die Unabhängigkeit, die die Entkriminalisierung von Homosexualität in der Ukraine den Weg geebnet hat – ein grundlegender Wendepunkt. Sie erlaubte uns endlich, mit dem Aufbau einer Gesellschaft zu beginnen, in der queere Menschen gesehen, gehört und respektiert werden.

Nach der Unabhängigkeit begann die Ukraine, sich der Welt zu öffnen. Wir erfuhren von LGBTQ+-Gemeinschaften im Ausland, wo bereits Kulturen der Gleichberechtigung entstanden. Die ersten ukrainischen Menschenrechtsorganisationen entstanden. Die LGBTQ+-Bewegung wurde geboren. Und mit der Zeit gelangten wir an einen Punkt, an dem LGBTQ+-Rechte kein Tabu mehr waren, sondern zunehmend als Teil der demokratischen Werte der Ukraine anerkannt wurden.

Doch der Unabhängigkeitstag ist mehr als ein persönlicher Meilenstein – er ist ein nationaler Bruch mit Jahrhunderten russischen Imperialismus und sowjetischen Totalitarismus, Systemen, die versuchten, uns sowohl als Nation als auch als queere Menschen auszulöschen. Unabhängigkeit bedeutet unsere Ablehnung von Diktatur, Zensur und staatlich geförderter Homophobie. Sie ist unser Weg hin zu Demokratie, Menschenrechten und einer offenen, inklusiven Gesellschaft.

Und doch ist Unabhängigkeit keine Selbstverständlichkeit.

Heute kämpft die Ukraine weiterhin für ihre Unabhängigkeit – im wörtlichen Sinne, auf dem Schlachtfeld – gegen ein russisches Regime, das erneut versucht, unsere Nation, unsere Freiheit und unsere Identitäten zu zerstören. Russland ist heute eine imperialistische, homophobe Diktatur. Und ihr entgegentreten tausende ukrainische Verteidigerinnen – darunter auch LGBTQ+-Soldatinnen – die ihr Leben einsetzen für eine Zukunft, in der Würde, Gleichheit und Freiheit siegen.

Für uns ist der Unabhängigkeitstag nicht nur Vergangenheit. Er ist ein lebendiger, andauernder Kampf. Und zugleich eine Vision: von dem Land, das wir werden – eines, das die Schatten des Imperiums hinter sich lässt und fest an der Seite der Demokratie, der Menschenrechte und der Würde für alle steht.

Anna Sharyhina und Team, WA Sphere

Für die NGO „WA Sphere“ ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein Fest der Staatsgründung, sondern auch eine Bestätigung des Rechts auf Sichtbarkeit, Würde und ein sicheres Leben für LGBTQ+-Menschen. Angesichts des andauernden Krieges mit Russland gewinnt die Unabhängigkeit eine besondere Bedeutung – nicht nur territorial, sondern auch mental und ideologisch.

Wir kämpfen für Freiheit: von Diskriminierung, Patriarchat und Gewalt. Wir kämpfen für das Recht, eine inklusive Ukraine zu gestalten, in der jede Person eine Stimme hat. In diesem Kampf sind Frauen, Lesben, Bisexuelle, Trans- und nicht-binäre Menschen keine passiven Zuschauerinnen, sondern engagierte Freiwillige, Verteidigerinnen und Organisator*innen.

Wir bleiben in Charkiw, einer Stadt, die die Nähe zur Frontlinie jeden Tag spürt. Trotz Beschuss und Zerstörung haben wir unser Ressourcenzentrum PrideHub wiederaufgebaut. Hier finden Treffen statt, und wir bieten psychologische sowie humanitäre Unterstützung an. Wir haben uns entschieden, hier zu bleiben und Veränderung herbeizuführen, die zu Gerechtigkeit und Freiheit führen wird.

Auf internationaler Ebene setzen wir uns dafür ein, dass die ukrainische queere Community nicht als Opfer des Krieges gesehen wird, sondern als wirksame Subjekte. Wir wollen sichtbar, gehört und in den globalen Dialog eingebunden sein. Deshalb rufen wir unsere Partner*innen zu fortgesetzter Solidarität und Zusammenarbeit mit globalen queeren und feministischen Bewegungen auf.

Am diesjährigen Unabhängigkeitstag feiern wir also nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere gemeinsame Zukunft: eine inklusive, gerechte Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen.