Kategorien
Allgemein

34. Unabhängigkeitstag – 3,5 Jahre Krieg

Berichte aus der queeren Community

This page is also available in English.

Am Sonntag, dem 24. August, feiert die Ukraine ihren 34. Unabhängigkeitstag – doch die 1991 von der Sowjetunion erlangte Unabhängigkeit bleibt seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges akut bedroht. Heute, über 30 Jahre später, werden die territoriale Integrität und staatliche Souveränität des Landes durch den Krieg massiv infrage gestellt.

Im Folgenden geben wir Berichte und direkte Perspektiven aus der queeren Community in der Ukraine wieder: zur Bedeutung des Tages, zur langjährigen und alltäglichen Auseinandersetzung mit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sowie zu ihrer Sicht auf die aktuelle Lage.

Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist vielschichtig

Für queere Menschen in der Ukraine ist der Wunsch nach Unabhängigkeit – und die Bedrohung ebenjener – nicht nur ein geopolitisches Anliegen. Es ist, wie Oleksandra Semenova, Koordinatorin und stellvertretende Leiterin der ukrainischen LSBTIQ+-Hilfsorganisation You Are Not Alone erklärt: “eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung“.

Die langjährige Auseinandersetzung queerer Menschen mit Ausgrenzung, Sichtbarkeit und Rechten spiegelt sich nun in einem größeren politischen Kontext wider. Gleichzeitig verschärft sich ihre Bedrohungslage, indem die gesellschaftliche Marginalisierung und Gewalt drastisch zunehmen.

Die Äußerungen zeichnen ein Bild einer prekären Lage und zugleich eines stärkenden Selbstbewusstseins, von Mut, Wirksamkeit und vor allem der Hoffnung auf eine ideologisch freie, strukturell inklusive und gleichberechtigte Zukunft der Ukraine.

Die Statements sind hier in der Originalsprache (Englisch) zu lesen.

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone:

Für LGBTQI+-Personen in der Ukraine ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein nationaler Feiertag. Er ist eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung. Er ist ein Tag, der uns daran erinnert, dass unser Kampf um Unabhängigkeit vielschichtig ist. Wir wehren uns nicht nur gegen einen äußeren Feind – wir kämpfen auch für das Recht, innerhalb unserer eigenen Gesellschaft wir selbst zu sein: sichtbar, sicher und ohne Angst leben zu können.

Selbst in Friedenszeiten war dieser Kampf nie einfach. Doch während des großangelegten Krieges ist er noch schwieriger – und noch dringlicher. In Zeiten des Überlebens werden Stimmen von Minderheiten oft an den Rand gedrängt. Wir sind jedoch überzeugt, dass Menschenrechte nicht „auf nach dem Krieg“ verschoben werden können. Sie müssen geschützt werden – gerade in Krisenzeiten.

LGBTQI+-Personen sind Teil des Widerstands in der Ukraine – an vorderster Front, in Freiwilligennetzwerken, in der humanitären Hilfe. Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Und wir wollen Teil des Sieges der Ukraine sein – eines Sieges, der alle umfasst. Deshalb ist der Unabhängigkeitstag für uns auch ein Tag der Hoffnung: die Hoffnung, dass in der neuen Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen, Raum für uns alle sein wird.

Rostyslav Milevskjy, Gender Zed:

Genau vor dreieinhalb Jahren hat der Feind uns offiziell den Krieg erklärt – obwohl die Versuche, unser Land zu besetzen, bereits 2014 begonnen hatten. Die Russen dachten, wir hätten keine Chance, aber wir haben standgehalten. Denn wir sind ein freies Volk, das sich auf eine Zukunft zubewegt, in der Ungleichheit keinen Platz hat. Stattdessen wird es eingetragene Partnerschaften geben, und Hassverbrechen werden ordnungsgemäß ermittelt.

Um dieser Zukunft näherzukommen, rufen wir bei Gender Zed jeden Tag dazu auf, sich selbst zu respektieren, andere in schwierigen Zeiten zu unterstützen und sich dem Hass in der Gesellschaft entgegenzustellen. Und wenn wir das tun, werden wir erfolgreich sein. Denn in unserer Welt siegt immer noch nicht die rohe Gewalt, sondern die Wahrheit.

LGBT+-Menschen engagieren sich ehrenamtlich, dienen an der Front und träumen von Frieden in unserem Land. Sie sind vielfältig, doch jede*r Einzelne bringt den Sieg auf ihre eigene Weise näher. An diesem Tag denken wir fortwährend an den Sieg – und tun, was wir können, um ihn näherzubringen.

Vladyslav Fomin, UAV Operator, 153 Snipers Centre

Wenn ich davon spreche, was der ukrainische Unabhängigkeitstag für mich persönlich bedeutet … dann dient dieser Tag für mich als eine ‚Erklärung‘ an die ganze Welt – an Demokratien, Autokratien und totalitäre Staaten gleichermaßen: Wir existieren, wir kämpfen, wir leben und sterben für das Recht, Ukrainer*innen zu sein.

Er ist unser Fahnenmast, trotzig erhoben vor den Rachen unseres postkolonialen Erbes – das kollektive, tief empfundene Verlangen der ukrainischen Nation, das Gestalt und Bedeutung angenommen hat. Und wenn ich sehe, wie verzweifelt der Feind versucht, es uns zu entreißen, begreife ich, dass es von Wert ist. Und ich möchte, dass auch andere Ukrainer*innen das verstehen.

Bevor ich den ukrainischen Verteidigungskräften beitrat, habe ich das nicht so erkannt wie jetzt: dass meine Handlungen etwas verändern können. Dass ich das Recht habe, dieses Land ‚mein‘ zu nennen. Dass ich eine*r von vielen bin, die das Fundament unserer Nation Stein für Stein legen – trotz der Kräfte, die lieber sähen, ich würde dies nie erkennen. Ein Mensch ist nichts ohne den Heimatboden unter seinen Füßen, und ich bin nichts ohne mein Land, die Ukraine.

Oleg Alyokhin, Liga:

Vor dem Ausbruch des Großen Krieges mit Russland war der Unabhängigkeitstag der Ukraine für mich nur ein Feiertag – ein Moment, in dem das ganze Land auf das vergangene Jahr zurückblickt und von der Zukunft träumt.

Heute ist dieser Tag für mich ein Tag des tiefen Nachdenkens, des Spürens von Schmerz und Entschlossenheit. Ein Tag, an dem ich mich als Teil der großartigen Menschen fühlen kann, die für das Recht kämpfen, sie selbst zu sein. Denn ich bin Ukrainer. Und für mich bedeutet es, Ukrainer zu sein, mit Würde zu leben, für die Wahrheit zu kämpfen und deine Liebsten zu schützen.

Freiheit und Liebe sind meine Religion. Sie sind es, die mich und andere im Land halten. Deshalb liebe die Ukraine – an jedem einzelnen Tag, so wie an Feiertagen und selbst in den dunkelsten Zeiten – und trage sie in deinem Herzen.

Mariia Maruzhenko, Fulcrum UA:

Für mich ist der 24. August mehr als nur ein nationaler Feiertag. Es ist ein Tag, an dem ich mich frage: Welche Ukraine sind wir, und welche Ukraine wollen wir werden?

Heute geht es bei der Unabhängigkeit der Ukraine nicht nur darum, ihre Grenzen gegen Aggressoren zu verteidigen. Es geht um die Fähigkeit, eine Gesellschaft aufzubauen, die die Würde des Menschen und das Recht auf Sichtbarkeit achtet und schützt. Und genau deshalb war dieses Anliegen für uns, die LGBTQ+-Ukrainer*innen, schon immer persönlich.

Während des Krieges verteidigen Hunderte unserer Brüder und Schwestern unser Land, aber rechtlich bleiben sie für den Staat unsichtbar. Sie leben jahrelang in Beziehungen, bauen ein gemeinsames Leben auf, doch im Falle von Verletzung oder Tod haben ihre Partner^innen keine Rechte – keinen Zugang zu Ärzt^innen, keine staatliche Unterstützung, nicht einmal das Recht, Abschied zu nehmen.

Die NGO Fulcrum UA hat gemeinsam mit Abgeordneten einen Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften ausgearbeitet, der es ermöglicht, Rechte an die nächste Bezugsperson zu übertragen. Dabei geht es nicht um „Rechte“ für LGBTQ+-Personen – es geht um gleichwertigen rechtlichen Schutz für alle: für LGBTQ+-Soldatinnen, die ihre Partnerinnen schützen wollen, für Menschen, die gemeinsam ein Geschäft führen, für diejenigen, die ihr Eigentum schützen oder in schwierigen Situationen Entscheidungen treffen möchten.

Die Ukraine hat Verpflichtungen gegenüber sich selbst und der Welt. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Maymulakhin und Markiv gegen Ukraine“ (“Case of Maymulakhin and Markiv v. Ukraine”) stellt deutlich fest, dass die Ukraine den rechtlichen Status von gleichgeschlechtlichen Paaren sicherstellen muss. Ungarn hat trotz aller Schwierigkeiten kürzlich einen Schritt nach vorne gemacht: Das Verfassungsgericht hat dort gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, als eingetragene Partnerschaften anerkannt. Das bestätigt, dass auch in konservativen Ländern Veränderung möglich ist.

Unser Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften bezieht sich sowohl auf eine europäische Zukunft als auch auf den Wert jeder Bürgerin und jedes Bürgers hier und jetzt. Er ändert nicht die Definition von Ehe und fällt keine moralischen Urteile; er schafft ein Instrument, um Rechte und Pflichten zu übertragen.

Ein starkes Land ist eines, das in der Lage ist, seine eigenen Menschen zu schützen – auch und gerade in Kriegszeiten. Wir bauen eine Ukraine auf, die sich nicht nur in ihrer Flagge von Russland unterscheidet, sondern auch in ihren Werten. Wo Menschenrechte im Krieg nicht wegfallen. Wo Gleichheit kein Schlagwort für internationale Berichte ist, sondern Realität für jeden Menschen.

Deshalb feiern wir an diesem Unabhängigkeitstag nicht nur die Vergangenheit. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der jede*r von uns sichtbar, gleichberechtigt und geschützt ist.

Oleh Maksymiak, Fulcrum UA:

Für einen LGBTQ+-Ukrainerin markiert der Unabhängigkeitstag einen Anfang. Er ist der Beginn einer langsamen, aber tiefgreifenden Wiedergeburt und Transformation unserer Gesellschaft. Es war die Unabhängigkeit, die die Entkriminalisierung von Homosexualität in der Ukraine den Weg geebnet hat – ein grundlegender Wendepunkt. Sie erlaubte uns endlich, mit dem Aufbau einer Gesellschaft zu beginnen, in der queere Menschen gesehen, gehört und respektiert werden.

Nach der Unabhängigkeit begann die Ukraine, sich der Welt zu öffnen. Wir erfuhren von LGBTQ+-Gemeinschaften im Ausland, wo bereits Kulturen der Gleichberechtigung entstanden. Die ersten ukrainischen Menschenrechtsorganisationen entstanden. Die LGBTQ+-Bewegung wurde geboren. Und mit der Zeit gelangten wir an einen Punkt, an dem LGBTQ+-Rechte kein Tabu mehr waren, sondern zunehmend als Teil der demokratischen Werte der Ukraine anerkannt wurden.

Doch der Unabhängigkeitstag ist mehr als ein persönlicher Meilenstein – er ist ein nationaler Bruch mit Jahrhunderten russischen Imperialismus und sowjetischen Totalitarismus, Systemen, die versuchten, uns sowohl als Nation als auch als queere Menschen auszulöschen. Unabhängigkeit bedeutet unsere Ablehnung von Diktatur, Zensur und staatlich geförderter Homophobie. Sie ist unser Weg hin zu Demokratie, Menschenrechten und einer offenen, inklusiven Gesellschaft.

Und doch ist Unabhängigkeit keine Selbstverständlichkeit.

Heute kämpft die Ukraine weiterhin für ihre Unabhängigkeit – im wörtlichen Sinne, auf dem Schlachtfeld – gegen ein russisches Regime, das erneut versucht, unsere Nation, unsere Freiheit und unsere Identitäten zu zerstören. Russland ist heute eine imperialistische, homophobe Diktatur. Und ihr entgegentreten tausende ukrainische Verteidigerinnen – darunter auch LGBTQ+-Soldatinnen – die ihr Leben einsetzen für eine Zukunft, in der Würde, Gleichheit und Freiheit siegen.

Für uns ist der Unabhängigkeitstag nicht nur Vergangenheit. Er ist ein lebendiger, andauernder Kampf. Und zugleich eine Vision: von dem Land, das wir werden – eines, das die Schatten des Imperiums hinter sich lässt und fest an der Seite der Demokratie, der Menschenrechte und der Würde für alle steht.

Anna Sharyhina und Team, WA Sphere

Für die NGO „WA Sphere“ ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein Fest der Staatsgründung, sondern auch eine Bestätigung des Rechts auf Sichtbarkeit, Würde und ein sicheres Leben für LGBTQ+-Menschen. Angesichts des andauernden Krieges mit Russland gewinnt die Unabhängigkeit eine besondere Bedeutung – nicht nur territorial, sondern auch mental und ideologisch.

Wir kämpfen für Freiheit: von Diskriminierung, Patriarchat und Gewalt. Wir kämpfen für das Recht, eine inklusive Ukraine zu gestalten, in der jede Person eine Stimme hat. In diesem Kampf sind Frauen, Lesben, Bisexuelle, Trans- und nicht-binäre Menschen keine passiven Zuschauerinnen, sondern engagierte Freiwillige, Verteidigerinnen und Organisator*innen.

Wir bleiben in Charkiw, einer Stadt, die die Nähe zur Frontlinie jeden Tag spürt. Trotz Beschuss und Zerstörung haben wir unser Ressourcenzentrum PrideHub wiederaufgebaut. Hier finden Treffen statt, und wir bieten psychologische sowie humanitäre Unterstützung an. Wir haben uns entschieden, hier zu bleiben und Veränderung herbeizuführen, die zu Gerechtigkeit und Freiheit führen wird.

Auf internationaler Ebene setzen wir uns dafür ein, dass die ukrainische queere Community nicht als Opfer des Krieges gesehen wird, sondern als wirksame Subjekte. Wir wollen sichtbar, gehört und in den globalen Dialog eingebunden sein. Deshalb rufen wir unsere Partner*innen zu fortgesetzter Solidarität und Zusammenarbeit mit globalen queeren und feministischen Bewegungen auf.

Am diesjährigen Unabhängigkeitstag feiern wir also nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere gemeinsame Zukunft: eine inklusive, gerechte Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen.