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3,5 Jahre Krieg, ungebrochene queere Solidarität:

Zum 34. Unabhängigkeitstag veröffentlicht die Queere Nothilfe Ukraine ihren ersten Bericht zur Unterstützung in der Ukraine

The press release is also available in English

Berlin, 24. August 2025 – Zum 34. Unabhängigkeitstag der Ukraine veröffentlicht das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine (QNU) einen umfassenden Tätigkeitsbericht. Der Zusammenschluss von LSBTIQ+-Organisationen aus Deutschland hat sich 2022 am ersten Tag nach Kriegsbeginn als direkte Reaktion auf die humanitäre Notlage queerer Menschen gegründet. Denn queeres Leben ist im Krieg besonders bedroht: durch strukturelle Ausgrenzung, Unsichtbarkeit und konkrete Gefahr für Leib und Leben. Der Bericht für die Jahre 2022 bis 2024 dokumentiert diese Hilfe, beleuchtet die besonderen Bedarfe queerer Menschen im Krieg und zeigt, was es bedeutet, wenn queere Menschen einander nicht alleinlassen.

Seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges ist die 1991 von der Sowjetunion erlangte Unabhängigkeit der Ukraine erneut akut bedroht. In einem Referendum im Dezember 1991 hatten über 90 % der Bevölkerung die staatliche Eigenständigkeit bekräftigt. Heute, am 24. August 2025, über 30 Jahre später, werden die territoriale Integrität und staatliche Souveränität des Landes durch den Krieg massiv infrage gestellt.

Der Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist existenziell und vielschichtig

Für queere Menschen in der Ukraine ist der Wunsch nach Unabhängigkeit – und die Bedrohung eben jener – nicht nur ein geopolitisches Anliegen. Es ist, wie Oleksandra Semenova, Koordinatorin und stellvertretende Leiterin der ukrainischen LSBTIQ+-Hilfsorganisation You Are Not Alone, einer Partnerorganisation von QNU, erklärt: “eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung“.

Die langjährige Auseinandersetzung queerer Menschen mit Ausgrenzung, Sichtbarkeit und Rechten spiegelt sich nun in einem größeren politischen Kontext wider. Gleichzeitig verschärft sich ihre Bedrohungslage, indem die gesellschaftliche Marginalisierung und Gewalt drastisch zunehmen. Dazu sagt Semenova weiter:

“Es ist ein Tag, an dem wir uns bewusst machen, dass unser Kampf um Unabhängigkeit viele Ebenen hat. Wir wehren uns nicht nur gegen einen äußeren Feind – wir kämpfen auch für das Recht, wir selbst sein zu dürfen in unserer eigenen Gesellschaft: sichtbar zu sein, sicher zu leben, ohne Angst zu existieren.”

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone

Ungebrochene Solidarität: Großzügige Spendenbereitschaft aus der queeren Community und ihren Allys

Seit 3,5 Jahren arbeitet das Bündnis dafür, queeren Menschen in und aus der Ukraine konkrete Hilfe zu leisten und langfristige strukturelle Veränderungen zu fördern. Allein im ersten Jahr hat das Bündnis 800.000 Euro gesammelt – eine in diesem Umfang bislang einzigartige LSBTIQ+-spezifische Spendenaktion in Deutschland.

Zum Tag der ukrainischen Unabhängigkeit legt QNU nun seinen Tätigkeitsbericht für die Jahre 2022–2024 vor, um Bilanz zu ziehen, Einblicke zu bieten und Sichtbarkeit zu schaffen.

Der Bericht macht deutlich, wie QNU gemeinsam mit tausenden engagierten Unterstützer*innen Hilfe für queere Menschen in und aus der Ukraine leisten konnte. Getragen wird all das von Solidarität: Seit der Gründung wird das Projekt von leidenschaftlich engagierten Menschen aus der queeren Community ehrenamtlich vorangetrieben – von Menschen, die sich an die Seite der ukrainischen Verbündeten gestellt haben. Zu ihnen gehört Pavlo Stroblja, Gründer von Queermentor, der seit Jahren eine maßgebliche Rolle im Bündnis spielt:

„Als queerer Ukrainer weiß ich, was es heißt, um Sichtbarkeit und Sicherheit zu kämpfen – nicht nur politisch, sondern existenziell. Der Krieg trifft queere Menschen doppelt: Wir verteidigen unsere staatliche Unabhängigkeit – und zugleich unser Recht, als wir selbst zu leben. Wenn unsere Identität angegriffen wird, antworten wir mit Integrität. Reclaiming ist unser Weg aufzustehen – und andere mit uns zu tragen. Die Queere Nothilfe Ukraine steht für genau das: für gelebte Solidarität, für Schutzräume im Ausnahmezustand, und für eine Zukunft, in der Unabhängigkeit auch für queere Menschen zählt.“  

– Pavlo Stroblja, Queermentor und TEDx Speaker

Mehr als Partnerschaft: Internationale Zusammenarbeit mit Wirkung vor Ort 

Eine ukrainische Partnerorganisation, die QNU in den vergangenen Jahren finanziell fördern konnte, ist die Menschenrechtsorganisation Gender Zed. Durch die Kooperation konnten unter anderem der Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten über ein Apotheken-Zertifikatssystem gesichert, psychologische Beratungen in der Region Saporischschja angeboten sowie Umzugs- und Wohnkosten für evakuierte Mitarbeitende übernommen werden.

Für Gender Zed war diese Zusammenarbeit mehr als nur eine Partnerschaft – sie wurde zu einem echten Beispiel internationaler Solidarität, basierend auf Vertrauen, Flexibilität und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der LGBTQ+-Community in Kriegszeiten.

– Rostyslav Milevskjy, Gender Zed

Die Lage ist weiterhin ernst – Unterstützung bleibt unerlässlich

Trotz enormer Solidarität, überwältigender Spendenbereitschaft von der Community und Allys sowie eines gewachsenen Partnernetzwerks bleibt die Lage vieler queerer Menschen in der Ukraine und auf der Flucht prekär. Der Krieg dauert an – ebenso wie die Notwendigkeit konkreter Hilfe und nachhaltiger Strukturförderung.

Wer spenden und queere Menschen in und aus der Ukraine weiterhin unterstützen möchte, findet alle notwendigen Informationen auf der Spendenseite der QNU.

Mehr Informationen, Zahlen und Einblicke finden Sie in dem Tätigkeitsbericht 2022–2024.

Über das Aktionsbündnis

Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland. Es unterstützt queere Menschen, die aus der Ukraine fliehen mussten oder noch im Land sind. Unter diesem Link finden Sie eine Übersicht der beteiligten Organisationen, Petitionsunterzeichner*innen sowie Bildmaterial und weiterführende Informationen.

Bei Rückfragen oder Interview-Anfragen wenden Sie sich bitte an:

Louise Juhl | presse@queere-nothilfe-ukraine.de

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34th Independence Day – 3.5 years of war

Perspectives from the queer community

Diese Seite ist auch auf Deutsch verfügbar.

On Sunday, August 24, Ukraine will celebrate its 34th Independence Day – yet the independence it gained from the Soviet Union in 1991 has remained acutely threatened since the outbreak of the Russian war of aggression. Today, over 30 years later, the country’s territorial integrity and state sovereignty are being severely challenged by the ongoing war.

The following presents reports and firsthand perspectives from the queer community in Ukraine: on the significance of the day, on their long-term and everyday engagement with independence and self-determination, and on their view of the current situation.

The struggle for independence and self-determination is multi-layered

For queer people in Ukraine, the pursuit of independence – and the threat it faces – is not only a geopolitical concern but, as Oleksandra Semenova, deputy head of the Ukrainian LGBTQI+ aid organization You Are Not Alone, explains, “a deeply personal and political experience.”

The long-term engagement of queer people with exclusion, visibility, and rights is now reflected in a larger political context. At the same time, their vulnerability and exposure are intensified as social marginalization and violence dramatically increase.

The statements draw a picture of a precarious situation, yet also of empowering self-confidence, courage, agency, and above all hope for an ideologically free, structurally inclusive and equal future for Ukraine.

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone:

For LGBTQI+ people in Ukraine, Independence Day is not just a national holiday. It’s a deeply personal and political experience. It’s a day when we are reminded that our struggle for independence has many layers. We are not only resisting an external enemy — we are also fighting for the right to be ourselves within our own society: to be visible, to be safe, to live without fear.

Even in peacetime, this struggle has never been easy. But during full-scale war, it has become even more difficult — and even more urgent. In times of survival, minority voices are often pushed aside. But we believe that human rights cannot be postponed “until after the war.” They must be protected — especially in times of crisis.

LGBTQI+ people are part of Ukraine’s resistance — on the front lines, in volunteer networks, in humanitarian aid. We are part of this society. And we want to be part of Ukraine’s victory — a victory that includes everyone. That’s why Independence Day, for us, is also a day of hope: hope that in the new Ukraine we are all building together, there will be space for all of us.

Rostyslav Milevskjy, Gender Zed:

Exactly three and a half years ago, the enemy officially declared war on us — even though attempts to seize our country had started back in 2014. The Russians thought we didn’t stand a chance, but we endured. Because we are a free people, moving toward a future where there is no place for inequality. Instead, there will be civil partnerships, and hate crimes will be properly investigated.

To help bring that future closer, at Gender Zed we call on everyone — every day — to respect themselves, to support others in difficult times, and to stand against hate in society. And if we do that, we will succeed. Because in our world, it is still not brute force but truth that wins.

LGBT+ people are volunteering, serving on the front lines, and dreaming of peace on our land. They are diverse, but each and every one of them is bringing victory closer in their own way. On this day, we continue to think about victory — and to do what we can to bring it nearer.

Vladyslav Fomin, UAV Operator, 153 Snipers Centre

Speaking of what Ukraine’s Independence Day means to me personally… This day serves as a ‚declaration‘ to the entire world: to democracies, autocracies, and totalitarian states alike – we exist, we fight, we live and die for the right to be Ukrainian.

It’s our flagpole, raised defiantly before the jaws of our post-colonial legacy, the collective heartfelt longing of the Ukrainian nation that has taken shape and meaning. And watching how desperately the enemy is trying to snatch it away from us, I understand that it holds value. And I want other Ukrainians to understand this, too.

Before I joined the Ukrainian Defence Forces, I didn’t grasp this as I do now. That my actions could change something. That I have the right to call this land ‚mine‘. That I am one of many who lay the foundations of our nation, brick by brick, despite the forces that would rather I didn’t know this. A person is nothing without their land. And I am nothing without my country.

Oleg Alyokhin, Liga:

Before the start of the Great War with Russia, Independence Day of Ukraine was just a holiday for me – when, together with the whole country, you look back on the past year and dream about the future. 

Today, this is the day for deep thinking, feeling the pain and determination for me. A day when I can feel myself a part of the great people who fight for the right to be themselves. Because I am Ukrainian. And to me, being Ukrainian means to live with dignity, fight for the truth, and keep those you love safe. 

Freedom and love are my religion. It is what keeps me and others within the country. So, love Ukraine – every day, same as during holidays and during the darkest of times, and keep it in your heart.

Mariia Maruzhenko, Fulcrum UA:

For me, August 24 is more than just a national holiday. It is a day when I ask myself: what kind of Ukraine are we and what kind of Ukraine do we want to become?

Today, Ukraine’s independence is not just about protecting its borders from aggressors. It is about the ability to build a society that values human dignity and the right to be visible. And that is why for us, for LGBTQ+ Ukrainians, this issue has always been personal.

During the war, hundreds of our brothers and sisters are defending our country, but legally they remain invisible to the state. They live in relationships for years, building a life together, but in the event of injury or death, their partners have no rights — no access to a doctor, no support from the state, not even the right to say goodbye.

NGO Fulcrum UA, together with members of parliament, has developed a draft law on registered partnerships that allows rights to be delegated to the closest person. This is not about “rights” for LGBTQ+ people — it is about equal legal protection for everyone: for LGBTQ+ military who want to protect their partners, for people who run a business together, for those who want to protect their property or make decisions in difficult situations.

Ukraine has obligations to itself and to the world. The European Court of Human Rights ruling in the case of “Maimulahin and Markiv v. Ukraine” clearly states that Ukraine must ensure the legal status of same-sex couples. Hungary, despite all the difficulties, has recently taken a step forward — the Constitutional Court has recognized same-sex marriages concluded abroad as registered partnerships. This confirms that even in conservative countries, change is possible.

Our draft law on registered partnerships is about both a European future and the value of every citizen here and now. It does not change the definition of marriage or impose moral judgments; it creates a tool for delegating rights and responsibilities.

A strong country is one that is capable of protecting its own. Even and especially during wartime. We are building a Ukraine that differs from Russia not only in its flag but also in its values. Where human rights do not cease during wartime. Where equality is not a slogan for international reports, but a reality for every person.

That is why on this Independence Day, we are not just celebrating the past. We are fighting for a future where each and every one of us is visible, equal, and protected.

Oleh Maksymiak, Fulcrum UA:

What does Independence Day mean to me — especially as a queer person in Ukraine?
For an LGBTQ+ Ukrainian, Independence Day marks a beginning. It is the start of a slow but profound rebirth and transformation of our society. It was independence that made it possible to decriminalize homosexuality in Ukraine — a fundamental turning point. It allowed us to finally begin building a society in which queer people are seen, heard, and respected.

After independence, Ukraine began opening up to the world. We learned about LGBTQ+ communities abroad, where cultures of equality were already taking shape. The first Ukrainian human rights organizations emerged. The LGBTQ+ movement was born. And over time, we came to a point where LGBTQ+ rights are no longer a taboo, but increasingly recognized as part of Ukraine’s democratic values.

But Independence Day is more than a personal milestone — it is a national rupture with centuries of Russian imperialism and Soviet totalitarianism, systems that tried to erase us both as a nation and as queer people. Independence is our rejection of dictatorship, censorship, and state-sponsored homophobia. It is our path toward democracy, human rights, and an open, inclusive society.

And yet, independence is not a given.

Today, Ukraine continues to fight for its independence — literally, on the battlefield — against a Russian regime that is once again trying to destroy our nation, our freedom, and our identities. Russia today is an imperialist, homophobic dictatorship. And standing against it are thousands of Ukrainian defenders — including LGBTQ+ soldiers — risking their lives for a future where dignity, equality, and freedom prevail.

For us, Independence Day is not just about the past. It is a living, ongoing struggle. And it is also a vision: of the country we are becoming — one that leaves behind the shadows of empire and stands firmly on the side of democracy, human rights, and dignity for all.

Anna Sharyhina and Team, WA Sphere

For NGO “WA Sphere”, Independence Day is not only a celebration of statehood, but also an affirmation of the right to visibility, dignity and a safe life for LGBTQ+ people. The war with Russia continues, independence from it takes on special significance: not only territorial, but also mental and ideological.

We are fighting for freedom: from discrimination, patriarchy and violence. We are fighting for the right to create an inclusive Ukraine where every person has a voice. In this struggle, women, lesbians, bisexuals, transgender people and non-binary people are not passive spectators, but volunteers, defenders and organisers.

We remain in Kharkiv, a city that feels the proximity of the front line every day. Despite the shelling and destruction, we have rebuilt our resource centre, PrideHub. Here we hold meetings and provide psychological and humanitarian support. We have chosen to stay here and bring about change that will lead to justice and freedom.

At the international level, we strive for the Ukrainian queer community to be seen not as victims of war, but as active subjects. We want to be visible, heard, and involved in the global dialogue. Therefore, we call on our partners for continued solidarity and partnership with global queer and feminist movements.

So, on this Independence Day, we celebrate not only the past, but also our shared future: an inclusive, just Ukraine that we are building together.

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34. Unabhängigkeitstag – 3,5 Jahre Krieg

Berichte aus der queeren Community

This page is also available in English.

Am Sonntag, dem 24. August, feiert die Ukraine ihren 34. Unabhängigkeitstag – doch die 1991 von der Sowjetunion erlangte Unabhängigkeit bleibt seit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges akut bedroht. Heute, über 30 Jahre später, werden die territoriale Integrität und staatliche Souveränität des Landes durch den Krieg massiv infrage gestellt.

Im Folgenden geben wir Berichte und direkte Perspektiven aus der queeren Community in der Ukraine wieder: zur Bedeutung des Tages, zur langjährigen und alltäglichen Auseinandersetzung mit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sowie zu ihrer Sicht auf die aktuelle Lage.

Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist vielschichtig

Für queere Menschen in der Ukraine ist der Wunsch nach Unabhängigkeit – und die Bedrohung ebenjener – nicht nur ein geopolitisches Anliegen. Es ist, wie Oleksandra Semenova, Koordinatorin und stellvertretende Leiterin der ukrainischen LSBTIQ+-Hilfsorganisation You Are Not Alone erklärt: “eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung“.

Die langjährige Auseinandersetzung queerer Menschen mit Ausgrenzung, Sichtbarkeit und Rechten spiegelt sich nun in einem größeren politischen Kontext wider. Gleichzeitig verschärft sich ihre Bedrohungslage, indem die gesellschaftliche Marginalisierung und Gewalt drastisch zunehmen.

Die Äußerungen zeichnen ein Bild einer prekären Lage und zugleich eines stärkenden Selbstbewusstseins, von Mut, Wirksamkeit und vor allem der Hoffnung auf eine ideologisch freie, strukturell inklusive und gleichberechtigte Zukunft der Ukraine.

Die Statements sind hier in der Originalsprache (Englisch) zu lesen.

Oleksandra Semenova, You Are Not Alone:

Für LGBTQI+-Personen in der Ukraine ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein nationaler Feiertag. Er ist eine zutiefst persönliche und politische Erfahrung. Er ist ein Tag, der uns daran erinnert, dass unser Kampf um Unabhängigkeit vielschichtig ist. Wir wehren uns nicht nur gegen einen äußeren Feind – wir kämpfen auch für das Recht, innerhalb unserer eigenen Gesellschaft wir selbst zu sein: sichtbar, sicher und ohne Angst leben zu können.

Selbst in Friedenszeiten war dieser Kampf nie einfach. Doch während des großangelegten Krieges ist er noch schwieriger – und noch dringlicher. In Zeiten des Überlebens werden Stimmen von Minderheiten oft an den Rand gedrängt. Wir sind jedoch überzeugt, dass Menschenrechte nicht „auf nach dem Krieg“ verschoben werden können. Sie müssen geschützt werden – gerade in Krisenzeiten.

LGBTQI+-Personen sind Teil des Widerstands in der Ukraine – an vorderster Front, in Freiwilligennetzwerken, in der humanitären Hilfe. Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Und wir wollen Teil des Sieges der Ukraine sein – eines Sieges, der alle umfasst. Deshalb ist der Unabhängigkeitstag für uns auch ein Tag der Hoffnung: die Hoffnung, dass in der neuen Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen, Raum für uns alle sein wird.

Rostyslav Milevskjy, Gender Zed:

Genau vor dreieinhalb Jahren hat der Feind uns offiziell den Krieg erklärt – obwohl die Versuche, unser Land zu besetzen, bereits 2014 begonnen hatten. Die Russen dachten, wir hätten keine Chance, aber wir haben standgehalten. Denn wir sind ein freies Volk, das sich auf eine Zukunft zubewegt, in der Ungleichheit keinen Platz hat. Stattdessen wird es eingetragene Partnerschaften geben, und Hassverbrechen werden ordnungsgemäß ermittelt.

Um dieser Zukunft näherzukommen, rufen wir bei Gender Zed jeden Tag dazu auf, sich selbst zu respektieren, andere in schwierigen Zeiten zu unterstützen und sich dem Hass in der Gesellschaft entgegenzustellen. Und wenn wir das tun, werden wir erfolgreich sein. Denn in unserer Welt siegt immer noch nicht die rohe Gewalt, sondern die Wahrheit.

LGBT+-Menschen engagieren sich ehrenamtlich, dienen an der Front und träumen von Frieden in unserem Land. Sie sind vielfältig, doch jede*r Einzelne bringt den Sieg auf ihre eigene Weise näher. An diesem Tag denken wir fortwährend an den Sieg – und tun, was wir können, um ihn näherzubringen.

Vladyslav Fomin, UAV Operator, 153 Snipers Centre

Wenn ich davon spreche, was der ukrainische Unabhängigkeitstag für mich persönlich bedeutet … dann dient dieser Tag für mich als eine ‚Erklärung‘ an die ganze Welt – an Demokratien, Autokratien und totalitäre Staaten gleichermaßen: Wir existieren, wir kämpfen, wir leben und sterben für das Recht, Ukrainer*innen zu sein.

Er ist unser Fahnenmast, trotzig erhoben vor den Rachen unseres postkolonialen Erbes – das kollektive, tief empfundene Verlangen der ukrainischen Nation, das Gestalt und Bedeutung angenommen hat. Und wenn ich sehe, wie verzweifelt der Feind versucht, es uns zu entreißen, begreife ich, dass es von Wert ist. Und ich möchte, dass auch andere Ukrainer*innen das verstehen.

Bevor ich den ukrainischen Verteidigungskräften beitrat, habe ich das nicht so erkannt wie jetzt: dass meine Handlungen etwas verändern können. Dass ich das Recht habe, dieses Land ‚mein‘ zu nennen. Dass ich eine*r von vielen bin, die das Fundament unserer Nation Stein für Stein legen – trotz der Kräfte, die lieber sähen, ich würde dies nie erkennen. Ein Mensch ist nichts ohne den Heimatboden unter seinen Füßen, und ich bin nichts ohne mein Land, die Ukraine.

Oleg Alyokhin, Liga:

Vor dem Ausbruch des Großen Krieges mit Russland war der Unabhängigkeitstag der Ukraine für mich nur ein Feiertag – ein Moment, in dem das ganze Land auf das vergangene Jahr zurückblickt und von der Zukunft träumt.

Heute ist dieser Tag für mich ein Tag des tiefen Nachdenkens, des Spürens von Schmerz und Entschlossenheit. Ein Tag, an dem ich mich als Teil der großartigen Menschen fühlen kann, die für das Recht kämpfen, sie selbst zu sein. Denn ich bin Ukrainer. Und für mich bedeutet es, Ukrainer zu sein, mit Würde zu leben, für die Wahrheit zu kämpfen und deine Liebsten zu schützen.

Freiheit und Liebe sind meine Religion. Sie sind es, die mich und andere im Land halten. Deshalb liebe die Ukraine – an jedem einzelnen Tag, so wie an Feiertagen und selbst in den dunkelsten Zeiten – und trage sie in deinem Herzen.

Mariia Maruzhenko, Fulcrum UA:

Für mich ist der 24. August mehr als nur ein nationaler Feiertag. Es ist ein Tag, an dem ich mich frage: Welche Ukraine sind wir, und welche Ukraine wollen wir werden?

Heute geht es bei der Unabhängigkeit der Ukraine nicht nur darum, ihre Grenzen gegen Aggressoren zu verteidigen. Es geht um die Fähigkeit, eine Gesellschaft aufzubauen, die die Würde des Menschen und das Recht auf Sichtbarkeit achtet und schützt. Und genau deshalb war dieses Anliegen für uns, die LGBTQ+-Ukrainer*innen, schon immer persönlich.

Während des Krieges verteidigen Hunderte unserer Brüder und Schwestern unser Land, aber rechtlich bleiben sie für den Staat unsichtbar. Sie leben jahrelang in Beziehungen, bauen ein gemeinsames Leben auf, doch im Falle von Verletzung oder Tod haben ihre Partner^innen keine Rechte – keinen Zugang zu Ärzt^innen, keine staatliche Unterstützung, nicht einmal das Recht, Abschied zu nehmen.

Die NGO Fulcrum UA hat gemeinsam mit Abgeordneten einen Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften ausgearbeitet, der es ermöglicht, Rechte an die nächste Bezugsperson zu übertragen. Dabei geht es nicht um „Rechte“ für LGBTQ+-Personen – es geht um gleichwertigen rechtlichen Schutz für alle: für LGBTQ+-Soldatinnen, die ihre Partnerinnen schützen wollen, für Menschen, die gemeinsam ein Geschäft führen, für diejenigen, die ihr Eigentum schützen oder in schwierigen Situationen Entscheidungen treffen möchten.

Die Ukraine hat Verpflichtungen gegenüber sich selbst und der Welt. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Maymulakhin und Markiv gegen Ukraine“ (“Case of Maymulakhin and Markiv v. Ukraine”) stellt deutlich fest, dass die Ukraine den rechtlichen Status von gleichgeschlechtlichen Paaren sicherstellen muss. Ungarn hat trotz aller Schwierigkeiten kürzlich einen Schritt nach vorne gemacht: Das Verfassungsgericht hat dort gleichgeschlechtliche Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, als eingetragene Partnerschaften anerkannt. Das bestätigt, dass auch in konservativen Ländern Veränderung möglich ist.

Unser Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften bezieht sich sowohl auf eine europäische Zukunft als auch auf den Wert jeder Bürgerin und jedes Bürgers hier und jetzt. Er ändert nicht die Definition von Ehe und fällt keine moralischen Urteile; er schafft ein Instrument, um Rechte und Pflichten zu übertragen.

Ein starkes Land ist eines, das in der Lage ist, seine eigenen Menschen zu schützen – auch und gerade in Kriegszeiten. Wir bauen eine Ukraine auf, die sich nicht nur in ihrer Flagge von Russland unterscheidet, sondern auch in ihren Werten. Wo Menschenrechte im Krieg nicht wegfallen. Wo Gleichheit kein Schlagwort für internationale Berichte ist, sondern Realität für jeden Menschen.

Deshalb feiern wir an diesem Unabhängigkeitstag nicht nur die Vergangenheit. Wir kämpfen für eine Zukunft, in der jede*r von uns sichtbar, gleichberechtigt und geschützt ist.

Oleh Maksymiak, Fulcrum UA:

Für einen LGBTQ+-Ukrainerin markiert der Unabhängigkeitstag einen Anfang. Er ist der Beginn einer langsamen, aber tiefgreifenden Wiedergeburt und Transformation unserer Gesellschaft. Es war die Unabhängigkeit, die die Entkriminalisierung von Homosexualität in der Ukraine den Weg geebnet hat – ein grundlegender Wendepunkt. Sie erlaubte uns endlich, mit dem Aufbau einer Gesellschaft zu beginnen, in der queere Menschen gesehen, gehört und respektiert werden.

Nach der Unabhängigkeit begann die Ukraine, sich der Welt zu öffnen. Wir erfuhren von LGBTQ+-Gemeinschaften im Ausland, wo bereits Kulturen der Gleichberechtigung entstanden. Die ersten ukrainischen Menschenrechtsorganisationen entstanden. Die LGBTQ+-Bewegung wurde geboren. Und mit der Zeit gelangten wir an einen Punkt, an dem LGBTQ+-Rechte kein Tabu mehr waren, sondern zunehmend als Teil der demokratischen Werte der Ukraine anerkannt wurden.

Doch der Unabhängigkeitstag ist mehr als ein persönlicher Meilenstein – er ist ein nationaler Bruch mit Jahrhunderten russischen Imperialismus und sowjetischen Totalitarismus, Systemen, die versuchten, uns sowohl als Nation als auch als queere Menschen auszulöschen. Unabhängigkeit bedeutet unsere Ablehnung von Diktatur, Zensur und staatlich geförderter Homophobie. Sie ist unser Weg hin zu Demokratie, Menschenrechten und einer offenen, inklusiven Gesellschaft.

Und doch ist Unabhängigkeit keine Selbstverständlichkeit.

Heute kämpft die Ukraine weiterhin für ihre Unabhängigkeit – im wörtlichen Sinne, auf dem Schlachtfeld – gegen ein russisches Regime, das erneut versucht, unsere Nation, unsere Freiheit und unsere Identitäten zu zerstören. Russland ist heute eine imperialistische, homophobe Diktatur. Und ihr entgegentreten tausende ukrainische Verteidigerinnen – darunter auch LGBTQ+-Soldatinnen – die ihr Leben einsetzen für eine Zukunft, in der Würde, Gleichheit und Freiheit siegen.

Für uns ist der Unabhängigkeitstag nicht nur Vergangenheit. Er ist ein lebendiger, andauernder Kampf. Und zugleich eine Vision: von dem Land, das wir werden – eines, das die Schatten des Imperiums hinter sich lässt und fest an der Seite der Demokratie, der Menschenrechte und der Würde für alle steht.

Anna Sharyhina und Team, WA Sphere

Für die NGO „WA Sphere“ ist der Unabhängigkeitstag nicht nur ein Fest der Staatsgründung, sondern auch eine Bestätigung des Rechts auf Sichtbarkeit, Würde und ein sicheres Leben für LGBTQ+-Menschen. Angesichts des andauernden Krieges mit Russland gewinnt die Unabhängigkeit eine besondere Bedeutung – nicht nur territorial, sondern auch mental und ideologisch.

Wir kämpfen für Freiheit: von Diskriminierung, Patriarchat und Gewalt. Wir kämpfen für das Recht, eine inklusive Ukraine zu gestalten, in der jede Person eine Stimme hat. In diesem Kampf sind Frauen, Lesben, Bisexuelle, Trans- und nicht-binäre Menschen keine passiven Zuschauerinnen, sondern engagierte Freiwillige, Verteidigerinnen und Organisator*innen.

Wir bleiben in Charkiw, einer Stadt, die die Nähe zur Frontlinie jeden Tag spürt. Trotz Beschuss und Zerstörung haben wir unser Ressourcenzentrum PrideHub wiederaufgebaut. Hier finden Treffen statt, und wir bieten psychologische sowie humanitäre Unterstützung an. Wir haben uns entschieden, hier zu bleiben und Veränderung herbeizuführen, die zu Gerechtigkeit und Freiheit führen wird.

Auf internationaler Ebene setzen wir uns dafür ein, dass die ukrainische queere Community nicht als Opfer des Krieges gesehen wird, sondern als wirksame Subjekte. Wir wollen sichtbar, gehört und in den globalen Dialog eingebunden sein. Deshalb rufen wir unsere Partner*innen zu fortgesetzter Solidarität und Zusammenarbeit mit globalen queeren und feministischen Bewegungen auf.

Am diesjährigen Unabhängigkeitstag feiern wir also nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unsere gemeinsame Zukunft: eine inklusive, gerechte Ukraine, die wir gemeinsam aufbauen.

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365 Tage Krieg: Queere Menschen brauchen weiterhin Unterstützung

Berlin, 22. Februar 2023 – Das Aktionsbündnis Queere Nothilfe Ukraine hat knapp eine Million Euro für queere Menschen auf der Flucht gesammelt und hilft bei der Evakuierung sowie auf der Flucht, der Unterbringung und Versorgung. Trotz Spendenrekord: Nach einem Jahr ist weitere Hilfe so nötig wie vor einem Jahr.

Direkt nach Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 nahm ein beispielloses Bündnis seine Arbeit auf: Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine unterstützt queere Menschen aus und in der Ukraine auf der Flucht und in Notlagen. Sie sind aufgrund von queerfeindlicher Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt zusäzlich gefährdet und haben oft besondere Bedürfnisse, etwa bezüglich einer sicheren Unterbringung oder medizinischer Versorgung. Große Hilfsorganisationen können darauf nicht eingehen.

Aktionsbündnis leistet insbesondere Hilfe in der Ukraine selbst

Das Aktionsbündnis konnte eine enorme Spendenbereitschaft aktivieren: Aktuell liegen die Spendeneinnahmen bei fast einer Million Euro – mehr wurde bei keiner anderen lsbtiq*-spezifischen Spendenaktion in Deutschland in einem ähnlichen Zeitraum eingesammelt. Genutzt werden die Gelder, um Notunterkünfte in der Ukraine – sogenannte Shelter – bei der dringend benötigten Versorgung und Evakuierung queerer Menschen zu unterstützen. Um dies sicherzustellen, kooperiert das Aktionsbündnis mit über 15 lokalen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), wie z.B. dem KyivPride, Alliance Global, der Gay Alliance Ukraine, lokalen Organisationen wie Gender Zed in Saporischschja, Sphere in Charkiw oder auch der Trans-Organisation Kohorta, um nur einige zu nennen. Zur dringend notwendigen Versorgung gehört die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten wie Schmerzmitteln, aber auch Kleidung, Matratzen, Drogerie- sowie Hygieneartikel und Powerbanks oder Generatoren. In Kooperation mit Apotheker ohne Grenzen unterstützt die Queere Nothilfe Ukraine darüber hinaus bei der Beschaffung und Belieferung mit Hormonpräparaten für trans* Menschen und Gehhilfen. In 13 Direkttransporten konnte das Aktionsbündnis somit die Versorgung mit Hilfsgütern in Lwiw, Kyjiw, Charkiw, Uschgorod, Odesa und Tschernowitz sicherstellen. 

Aber auch Einzelfallhilfe findet statt. Spenden können mittels Antrag über queere NGOs und Flüchtlingsorganisationen in der Ukraine für individuelle Bedürfnisse angefragt werden. So bezahlte die Queere Nothilfe Ukraine zum Beispiel einem schwulen Paar ohne ukrainische Staatsangehörigkeit die Krankenversicherung, deren Nachweis für Drittstaatler*innen notwendig ist, um ein Visum zu beantragen. Somit konnte das Paar ausreisen und nach Deutschland in Sicherheit flüchten.

Nach zwölf Monaten dürfte uns allen klar geworden sein, dass Geduld und Resilienz die wichtigsten Ressourcen sind, um diesen Krieg zu gewinnen”, sagt Stanislav Mishchenko, Vorstandsmitglied bei KyivPride und Gründungsmitglied von Munich Kyiv Queer, einer Mitgliedsorganisation des Bündnis Queere Nothilfe Ukraine. “Die Spenden der deutschen Community tragen dazu bei, unsere Widerstandskraft zu stärken und für diese Solidarität sind wir sehr dankbar. Denn mit diesen Geldern unterstützen wir eine vulnerable Gruppe, die neben Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten oft eines besonderen Schutzes bedarf. Es sind Tausende, die in diesen dunklen Tagen hoffnungsvoll nach Deutschland blicken. Ihre Not dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.”

Aktionsbündnis bietet Beratung, Betreuung und Beteiligung

Das Aktionsbündnis beteiligt sich zudem an Gemeinschaftsprojekten für eine schnelle und nachhaltige Hilfestellung für Betroffene. So finanzierte das Bündnis 5.000 Erste-Hilfe-Sets zur Erst- und Nachversorgung nach Vergewaltigungen, um  Vergewaltigungsopfer mit notwendigen Medikamenten wie der Pille danach und der PEP zur HIV-Prävention aber auch Schwangerschaftstests  zu versorgen. Mitfinanziert wurde auch der vom Queer Spaces Network in Prag initiierte LGBT Ukraine Chatbot, über den geflüchtete Personen schnell und zuverlässig Informationen zu Serviceangeboten auch in Deutschland erhielten. Gerade zu Beginn des Krieges explodierte die Zahl der Beratungsanfragen von Menschen auf der Flucht. Das digitale Angebot ermöglichte eine zeitnahe Hilfe für sehr viele Menschen, wobei die Antworten nicht durch eine Software erzeugt wurden, sondern von echten Menschen an verschiedenen Orten stammten.

Wir haben viel erreicht, doch wir merken langsam, dass sich die Spendenbereitschaft erschöpft”, erklärt Sasha Gurinova vom Bündnismitglied Deutsche Aidshilfe. “Viele Menschen sind auch nach einem Jahr noch auf der Flucht und in Not. Hinzu kommen aktuell noch gefährliche Versorgungsengpässe mit Heizmaterial und Strom im harten ukrainischen Winter. Wir machen die Bedürfnisse von queeren Menschen in der Ukraine und auf der Flucht weiter sichtbar und helfen, wo wir können. Dafür sind wir weiterhin dringend auf Spenden von Privatpersonen und  Unternehmen angewiesen”.  

Über das Aktionsbündnis

Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland. Es unterstützt queere Menschen, die aus der Ukraine fliehen mussten oder noch im Land sind. Unter https://www.queere-nothilfe-ukraine.de/ueber-uns/ finden Sie eine Übersicht der beteiligten Organisationen, Petitionsunterzeichner*innen sowie weiterführende Informationen.

Pressekontakte Bündnis Queere Nothilfe Ukraine

Bei Rückfragen oder Interview-Anfragen wenden Sie sich bitte an

Sören Landmann | +49 179 75 26 209 oder Conrad Breyer | +49 170 18 59705 presse@queere-nothilfe-ukraine.de

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Spendenrekord: Mehr als 500.000 Euro für ukrainische LSBTIQ*

Zwei Monate nach Gründung zieht das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine Bilanz

Hilfsorganisationen leisten effektive Nothilfe bei Katastrophen und Krisen. Doch bestimmte Menschen und Gruppen haben besondere Anforderungen, zum Beispiel an eine für sie sichere Unterbringen oder auch an medizinische Versorgung. Zu ihnen gehören auch Mitglieder der LSBTIQ*-Community, eine aufgrund von Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt häufig traumatisierte und besonders schutzwürdige soziale Gruppe.

Auf ihre Bedürfnisse können große Hilfsorganisationen nur bedingt eingehen. Deswegen haben sich direkt nach Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 zahlreiche Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland zum bundesweiten Bündnis Queere Nothilfe Ukraine zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, LSBTIQ* in Notlagen zu unterstützen.

Nie hat die deutsche Community mehr Geld gesammelt

Nebst Petition mit klaren Handlungsaufforderungen an die Bundesregierung zum Schutz von LSBTIQ* sammeln die Initiator*innen Spenden, um Betroffenenen bei der Versorgung und Evakuierung zu helfen. Zwei Monate nach Gründung verzeichnet das Bündnis Spendeneinnahmen von über einer halben Million Euro – mehr wurde bislang bei einer LSBTIQ*-spezifischen Spendenaktion in Deutschland in einem ähnlichem Zeitraum noch nicht eingesammelt.

Zugleich wächst mit jedem Kriegstag der Bedarf an weiteren Hilfeleistungen. “Die Spendensumme zeigt, dass sehr vielen Menschen, Unternehmen und Organisationen die spezifische Notlage von LSBTIQ* bewusst und ein eigenes Engagement eine Herzensangelegenheit ist. Ein Lichtblick in dunklen Zeiten. Wir hoffen, die Spendenbereitschaft mit unserer Aufklärungsarbeit hoch halten zu können, denn aktuell können wir vielen noch nicht helfen und möchten deshalb unsere Arbeit in der Ukraine stark ausweiten – zum Beispiel die Versorgung von queeren Notunterkünften”, so Sören Landmann, Mitinitiator des Bündnis Queere Nothilfe Ukraine und Vorsitzender des Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V.

Aufklärungsarbeit für Unterstützer*innen aber auch für LSBTIQ*, die auf der Flucht sind oder diese planen, leistet das Bündnis u.a. auf Facebook sowie Instagram und lässt hier aktuell die Personen zu Wort kommen, die sich bei den Spender*innen bedanken möchten:

[…] Ich bin schwul, ich habe eine LGBTIQ*-Organisation um Hilfe gebeten. Sie haben mir viel geholfen. Sie haben mir erstmal etwas Geld gegeben, für Lebensmittel. Ich konnte Lebensmittel und Proviant kaufen. Jetzt habe ich eine Unterkunft gefunden, die billigste, die es gab, und ich habe die Organisation gebeten, mich auch dabei zu unterstützen. Ich bin den LSBTIQ*-Organisationen in Deutschland sehr dankbar für ihre Hilfe. Wir brauchen sie wirklich sehr. Wir sind verwirrt, wir wissen gar nicht, was wir tun sollen und für jede Hilfe sind wir dankbar. […]”, bedankt sich Serhey aus Kyjiw in einem Video.

“Wegen des Krieges sind wir in eine sehr komplizierte finanzielle Lage geraten. Hier funktioniert nichts mehr, die Sirenen heulen ständig und dann musst du in einen Keller oder einen Unterschlupf rennen. Und mit einem kleinen Kind ist das sehr, sehr schwierig. Aber wir geraten nicht in Panik und versuchen, durchzuhalten. Ein großes Dankeschön an alle Menschen aus Deutschland, die uns unterstützen. Ohne euch wären wir verloren”, sagt Marta aus Bila Zerkwa im selben Video.

Queere Nothilfe Ukraine leistet insbesondere Hilfe in der Ukraine selbst

Das Aktionsbündnis hat sich darauf geeinigt, Spenden für Soforthilfe in der Ukraine zu priorisieren und dann Hilfe in an die Ukraine angrenzenden Nachbarländern zu leisten. “In Deutschland sehen wir die Fürsorge- und Versorgungspflicht bei der Bundesregierung und konzentrieren uns daher vor allem auf Vor-Ort-Unterstützung in Kooperation mit lokalen und uns bekannten LSBTIQ*-Vereinen und Initiativen. So können wir bei der dringend notwendigen Versorgung queerer Menschen in der Ukraine sowie bei ihrer Evakuierung unterstützen, aber auch bei individuellen Notlagen flexibel und schnell reagieren”, erklärt Sasha Gurinova, Referentin für Internationales bei der Deutschen Aidshilfe und Mitglied im Finanz-Team des Bündnisses Queere Nothilfe Ukraine.

Zur dringend notwendigen Versorgung gehört die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten wie Schmerzmitteln, HIV-Medikamenten und Hormonpräparaten für trans* Menschen, aber auch die Beschaffung von Matratzen, Drogerie- sowie Hygieneartikel oder Powerbanks. Diese Hilfeleistung erhalten Geflüchtete in sogenannten Sheltern, sprich provisorisch eingerichteten Notunterkünften. Die Unterstützung vor Ort kann dann durch die Kooperation mit LSBTIQ*-Organisationen in der Ukraine sichergestellt werden wie etwa auf nationaler Ebene durch Insight, KyivPride, Gay Alliance Ukraine, Tochka Opori, Avante, Alliance Global, Sphere, Gay Forum Ukraine, Liga oder regional mit Gruppen wie Gender Z in Saporischschja und “Ty ne odin” (“Du bist nicht allein”) aus Schytomyr. Die Organisationen verteilen die vom Bündnis gelieferten Hilfsgüter.

Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine und seine Mitgliedsorganisationen unterstützen ebenfalls bei der Vermittlung in sichere Unterkünfte in (Ost-)Europa sowie Deutschland, assistieren bei Behördengängen und Anmeldeverfahren und bieten umfassende Info- und Beratungsangebote in mehreren Sprachen an, die Menschen in Not vor Ort oder auf der Flucht unterstützen sollen. Zudem werden 50 Prozent der Spendengelder für langfristige Hilfe zurückgestellt.

Bitte unterstützen Sie mit einem Aufruf die Spendenbeteiligung und Petitionsunterzeichnung:

Das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland. Es unterstützt queere Menschen, die aus der Ukraine fliehen mussten oder noch im Land sind. Unter https://www.queere-nothilfe-ukraine.de/ueber-uns/ finden Sie eine Übersicht der beteiligten Organisationen, Petitionsunterzeichner*innen sowie weiterführende Informationen.

Pressekontakte Bündnis Queere Nothilfe Ukraine

Bei Rückfragen oder Interview-Anfragen wenden Sie sich bitte an

Sören Landmann | +49 179 75 26 209

Conrad Breyer | +49 170 18 59705

presse@queere-nothilfe-ukraine.de      

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Offener Brief an Vertreter*innen der Bundesregierung

An Bundeskanzler Olaf Scholz
An Vizekanzler Dr. Robert Habeck
An Außenministerin Annalena Baerbock
An Innenministerin Nancy Faeser
An die Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Reem Alabali-Radovan
An den Queer-Beauftragten der Bundesregierung Sven Lehmann
An die Menschenrechtsbeauftragte im Auswärtigen Amt Luise Amtsberg

Wir, Vertreter_innen diverser Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland, organisiert im Bündnis Queere Nothilfe Ukraine, sind sehr besorgt über die Lage in und um die Ukraine. Uns erreichen viele Nachrichten von LSBTIQ*, ihren Familien und ihren zivilgesellschaftlichen Vertreter_innen.

Wir fordern die Bundesregierung auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um gefährdeten Menschen aus der Ukraine mit und ohne ukrainische  Staatsangehörigkeit, besonders LSBTIQ*, die in die EU bzw. nach Deutschland flüchten wollen, Schutz zu gewähren.

Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich die Lage dramatisch verschärft. Schon am ersten Tag des Überfalls wurde wichtige Infrastruktur zerstört. Viele Menschen flüchten  innerhalb des Landes, aber auch Richtung Rumänien, Slowakei, Moldawien und Polen. Da Flughäfen großflächig bombardiert wurden, können die Menschen die Ukraine nur noch über den Landweg verlassen. Diese Flucht wird stark erschwert durch Checkpoints, Benzinmangel und chaotische Zustände. 

Queere Organisationen vor Ort berichten uns, dass trans* Personen ohne angeglichene Papiere die Checkpoints nicht passieren können und unter Umständen keinen biometrischen Pass haben, der aber für eine Einreise in die EU notwendig ist. Zurzeit dürfen nur weiblich gelesene Menschen und Kinder die anliegenden EU-Grenzen überqueren. Es wird befürchtet, dass HIV- und trans*medizinische Medikation ausgehen wird. Zudem bedroht die angeordnete militärische Generalmobilmachung auch schwule und bisexuelle Männer sowie trans* Frauen und intergeschlechtliche Frauen mit einem männlichen Geschlechtseintrag. Diese Gruppen sind bei Gefangennahme, aber auch im militärischen Alltag besonders vulnerabel. 

Die russische Aggression verstärkt die finanzielle Krise in der Ukraine und wird eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung zur Folge haben. Das trifft besonders  prekarisierte Menschen. Gesellschaftlich diskriminierte Minderheiten wie Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, LSBTIQ* und Menschen mit Behinderungen waren bereits vor dem Angriff besonders prekarisiert, und sind jetzt noch mehr gefährdet. Nach Berichten des US-Auslandsnachrichtendienstes sind diese vulnerablen Gruppen besonders gefährdet. Sie könnten Opfer gezielter Angriffe werden oder aufgrund von Homo- und Transphobie vom Zivilschutz ausgenommen werden.

Wir fürchten um die Sicherheit und das Leben von LSBTIQ* Menschenrechtsaktivist_innen vor Ort. Unterstützende Gruppen und Organisationen wie Insight, Sphere, Kyiv Pride, Cohort, LIGA, HPLGBT, Egalite Intersex Ukraine und Trans*Generation können ihre Arbeit nicht weiterführen. Ihre Aktivist_innen sind gefährdet.

Zusätzlich sorgen wir uns auch um die Menschenrechtssituation von geflüchteten LSBTIQ* aus der Ukraine in den Ländern Mitteleuropas. Die größte Fluchtbewegung ist nach Polen, Ungarn und Rumänien zu erwarten. Dort erleben Geflüchtete allgemein, und besonders schutzbedürftige Minderheiten nochmal verstärkt, Mehrfachdiskriminierung. So haben die Regierungen dieser Länder in den letzten Jahren eine massiv LSBTIQ*-feindliche Politik vertreten und durchgesetzt. Die ungarische Regierung verweigert die Umsetzung eines EGMR-Urteils, wonach Geflüchteten eine Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität zusteht. LSBTIQ* Geflüchtete sind in diesen Ländern nicht sicher!

Wir fordern die Bundesregierung auf:

  • ihre uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine zu erklären;
  • umgehend Menschen aus der Ukraine, inkl. jener vor dem Krieg aus anderen Ländern in die Ukraine Geflüchteten, einen gesicherten Aufenthalt nach Aufenthaltsgesetz mit der Erlaubnis zu arbeiten zuzuerkennen und sich im Rahmen des EU-Rates dafür einzusetzen, dass Richtlinie 2001/55/EG des Rates vom 20. Juli 2001 auf fliehende Ukrainer_innen umgehend angewendet wird;
  • vulnerable Minderheiten, wie z. B. LSBTIQ*, Regenbogenfamilien und deren Menschenrechtsverteidiger_innen vor Ort in den Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen Deutschlands explizit zu benennen;
  • umgehend ein Aufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige Geflüchtete aus der Ukraine aufzulegen und umzusetzen;
  • die deutsche Polizei und den Grenzschutz anzuweisen, besonders schutzbedürftige Geflüchtete aus der Ukraine nicht nach Polen, Ungarn, Rumänien, Slowakei oder Moldawien zurückzuschicken, sondern ihnen die Möglichkeit auf ein Asylverfahren in Deutschland zu belassen;
  • sich dafür einzusetzen, dass die EU-Mitgliedsstaaten das “Dublin-Verfahren” aussetzen und stattdessen einem Verteilungsmechanismus für Geflüchtete aus der Ukraine zustimmen;
  • umgehend das BAMF und Mitarbeiter_innen anderer Stellen, die mit Geflüchteten arbeiten, für LSBTIQ*-Themen weiter zu sensibilisieren;
  • Projekten, Initiativen und NROen zu helfen, die in Deutschland LSBTIQ* Geflüchtete unterstützen, und sicherzustellen, dass ihre Arbeit nicht kriminalisiert wird;
  • humanitäre Hilfe vor Ort zu leisten, um sicherzustellen, dass Geflüchteten die notwendige benötigte medizinische Versorgung zukommt, inklusive HIV-Medikamente und geschlechtsangleichende Hormone;
  • darauf hinzuwirken, dass in Deutschland bei der Verteilung der LSBTIQ* Geflüchteten auf die Bundesländer die Versorgung mit LSBTIQ*-spezifischer Beratung sowie ihr besonderer Schutzbedarf bei der Unterbringung berücksichtigt wird; 
  • die Bundesländer dabei zu unterstützen, dass LSBTIQ* Geflüchtete in queeren Wohnheimen, Wohnungen etc. untergebracht werden bzw. dass sie in den Massenunterkünften bestmöglich vor Gewalt geschützt sind;
  • die Aufnahme und das Passieren der EU-Grenzen auch Geflüchteten zu ermöglichen, die nicht mit einem in der EU anerkannten Impfstoff gegen COVID-19 geimpft sind;
  • bei der Aufnahme und Anerkennung ukrainischer LSBTIQ* Geflüchteter gleichgeschlechtliche Paare als Familie anzuerkennen;
  • den Geflüchteten zu ermöglichen, das gesamte Verfahren zu durchlaufen, unabhängig davon, ob sie über entsprechende Ausweisdokumente, Impfbescheinigungen oder Nachweise der Verwandtschaft zwischen den Antragsteller_innen verfügen (wenn die Antragsteller als Paare – Ehemann und Ehefrau – oder als Familie – Ehemann, Ehefrau, Kind, Großmutter, Großvater usw. – ankommen).

Wir fordern die Bundesregierung auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um gefährdeten Menschen aus der Ukraine (mit und ohne ukrainische  Staatsangehörigkeit) und hierbei unter anderem auch besonders LSBTIQ*, die in die EU bzw. nach Deutschland flüchten wollen, Schutz zu gewähren. Wir als Vertreter_innen der queeren Community werden die Bundesregierung hierbei unterstützen und begleiten. Für ein persönliches Gespräch dazu, wie auch mittelfristig die queere Community in der Ukraine unterstützt werden kann, stehen wir – sobald die derzeit dynamische Lage dies wieder zulässt – gern bereit und bedanken uns bereits im Voraus für Ihre Unterstützung. 

Die Erstunterzeichner_innen

(in alphabetischer Reihenfolge)

Aids Action Europe

Aktionsbündnis gegen Homophobie e. V.

All Out

Berliner Aids-Hilfe e. V.

BiNe – Bisexuelles Netzwerk  e. V.

Bundesverband Trans* e. V.

CSD Deutschland e. V.

CSD München / Munich Pride

Deutsche Aidshilfe e. V.

dgti – Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität

DIE LINKE.queer

diversity München e. V. – LesBiSchwule und Trans* Jugendorganisation

ENOUGH is ENOUGH!

Europäische und Zentralasiatische Jugendvertretung bei ILGA World

FFBIZ – Das feministische Archiv

Intergeschlechtliche Menschen e. V.

Jugendnetzwerk Lambda e. V.

Kölner Lesben- und Schwulentag e. V. – ColognePride

Lesbenberatung Berlin / LesMigraS

Lesben Leben Familie (LesLeFam) e.  V.

LesbenRing e. V.

Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

LesMamas e. V.

LeTRa Lesbenberatung, Lesbentelefon e. V., München

LeZ – Lesbisch-queeres Zentrum München

Münchner Aids-Hilfe e. V.

Munich Kyiv Queer

Organisation Intersex International Europe

PLUS. Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar e. V. 

Projekt 100% MENSCH gUG

PROUT AT WORK-Foundation

Quarteera e. V.

Queer Amnesty

Queer European Asylum Network – QUEAN

Queer-Future-BW Jugendverband des Netzwerks LSBTTIQ BW

QueerGrün

Queeres Zentrum Mannheim e. V.

Rosa Hilfe Freiburg e. V. 

Rosa Strippe e. V.

Schwulenberatung Berlin

SPDqueer – Arbeitsgemeinschaft für Akzeptanz und Gleichstellung in der SPD

Strong! LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt

SUB – Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum München e. V.

The LGBT life e. V. 

Transgender Europe e. V.

TransInterQueer e. V.

Trans-Kinder-Netz e. V.

TransMann e. V.

Trans*Recht e. V.

Trans*Sexworks

Treffpunkt, Fach- und Beratungsstelle Regenbogenfamilien München

VelsPol e. V.

vielbunt e. V.

Völklinger Kreis e. V.

Wählerinneninitiative Rosa Liste München e. V. 

Wirtschaftsweiber e. V.

WostoQ-Regenbogen e. V.

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Jetzt LSBTIQ*-Menschen Schutz gewähren und spenden!

Queere Menschen sind in der Ukraine zurzeit in besonderer Weise in Gefahr. Zahlreiche Organisationen aus der LSBTIQ*-Community in Deutschland haben sich daher im Bündnis Queere Nothilfe Ukraine zusammengeschlossen. Mit einer Petition fordern sie die Bundesregierung auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um gefährdeten Menschen aus der Ukraine Schutz zu gewähren – und zwar Menschen mit und ohne ukrainische Staatsangehörigkeit und insbesondere LSBTIQ*, die in die EU bzw. nach Deutschland flüchten wollen. Zugleich hat das Bündnis eine Spendenaktion gestartet, um die dringend notwendige Versorgung queerer Menschen in der Ukraine sowie Evakuierungen zu unterstützen.

„Wir sind sehr besorgt über die Lage in und um die Ukraine. Uns erreichen viele Nachrichten von LSBTIQ*, ihren Familien und ihren zivilgesellschaftlichen Vertreter*innen. Sie sind in höchster Not. Jetzt ist die Zeit entschlossen und gemeinsam zu handeln und so Menschenleben zu retten“, erklärt Stas Mishchenko, Vorstandsmitglied des KyivPride und aktiv bei Munich Kyiv Queer.

„Trans Frauen mit einem männlichen Pass können nicht in sichere Landesteile gelangen oder das Land verlassen, da sie keine internen Check-Points passieren können. Wir befürchten das Schlimmste für sie, sowie trans Männer als auch schwule und bisexuelle Männer, die ebenfalls aufgrund der Generalmobilmachung das Land nicht verlassen dürfen,“ verdeutlicht Richard Köhler, Transgender Europe Advocacy Director.

„Was wir jetzt dringend brauchen, sind solidarische politische Entscheidungen und Geld, um den Menschen möglichst schnell aus ihrer Not herauszuhelfen,“ ergänzt Sören Landmann, Mitinitiator des Bündnis Queere Nothilfe Ukraine und Vorsitzender des Aktionsbündnis gegen Homophobie, das die Spenden aus der Aktion direkt an bedürftige Menschen und Organisationen vor Ort weiterleitet.

Probleme bei Ausreise und medizinischer Versorgung

Seit dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich die Lage dramatisch verschärft. Schon am ersten Tag des Überfalls wurde wichtige Infrastruktur zerstört. Viele Menschen flüchten innerhalb des Landes, aber auch Richtung Rumänien, Slowakei, Moldawien und Polen. Da Flughäfen großflächig bombardiert wurden, können die Menschen die Ukraine nur noch über den Landweg verlassen. Diese Flucht wird stark erschwert durch Checkpoints, Benzinmangel und chaotische Zustände. 

Die besonderen Notlagen queerer Menschen erfordern dabei spezifische Hilfe. Queere Organisationen vor Ort berichten uns, dass trans* Personen ohne angeglichene Papiere die Checkpoints nicht passieren können und unter Umständen keinen biometrischen Pass haben, der aber für eine Einreise in die EU notwendig ist. Zurzeit dürfen nur weiblich gelesene Menschen und Kinder die anliegenden EU-Grenzen überqueren. Es wird befürchtet, dass HIV- und trans*medizinische Medikation ausgehen wird. Zudem bedroht die angeordnete militärische Generalmobilmachung auch schwule und bisexuelle Männer sowie trans* Frauen und intergeschlechtliche Frauen mit einem männlichen Geschlechtseintrag. Diese Gruppen sind bei Gefangennahme, aber auch im militärischen Alltag besonders vulnerabel. 

Prekarisierte Gruppen und Aktivist*innen besonders gefährdet

Die russische Aggression verstärkt die finanzielle Krise in der Ukraine und wird eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung zur Folge haben. Das trifft besonders prekarisierte Menschen. Gesellschaftlich diskriminierte Minderheiten wie Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, LSBTIQ* und Menschen mit Behinderungen waren bereits vor dem Angriff besonders prekarisiert, und sind jetzt noch mehr gefährdet. Nach Berichten des US-Auslandsnachrichtendienstes sind diese vulnerablen Gruppen besonders gefährdet. Sie könnten Opfer gezielter Angriffe werden oder aufgrund von Homo- und Transphobie vom Zivilschutz ausgenommen werden.

Wir fürchten um die Sicherheit und das Leben von LSBTIQ*-Menschenrechtsaktivist*innen vor Ort. Unterstützende Gruppen und Organisationen wie Insight, Sphere, Kyiv Pride, Cohort, LIGA, HPLGBT, Egalite Intersex Ukraine und Trans*Generation können ihre Arbeit nicht weiterführen. Ihre Aktivist*innen sind gefährdet.

LSBTQ* auch in Mitteleuropa nicht überall sicher

Zusätzlich sorgen wir uns auch um die Menschenrechtssituation von geflüchteten LSBTIQ* aus der Ukraine in den Ländern Mitteleuropas. Die größte Fluchtbewegung ist nach Polen, Ungarn und Rumänien zu erwarten. Dort erleben Geflüchtete allgemein, und besonders schutzbedürftige Minderheiten nochmal verstärkt, Mehrfachdiskriminierung. So haben die Regierungen dieser Länder in den letzten Jahren eine massiv LSBTIQ*-feindliche Politik vertreten und durchgesetzt. Die ungarische Regierung verweigert die Umsetzung eines EGMR-Urteils, wonach Geflüchteten eine Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität zusteht. LSBTIQ*-Geflüchtete sind in diesen Ländern nicht sicher!

Wir fordern die Bundesregierung auf:

  • ihre uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine zu erklären;
  • umgehend Menschen aus der Ukraine, inkl. jener vor dem Krieg aus anderen Ländern in die Ukraine Geflüchteten, einen gesicherten Aufenthalt nach Aufenthaltsgesetz mit der Erlaubnis zu arbeiten zuzuerkennen und sich im Rahmen des EU-Rates dafür einzusetzen, dass Richtlinie 2001/55/EG des Rates vom 20. Juli 2001 auf fliehende Menschen aus der Ukraine umgehend angewendet wird;
  • vulnerable Minderheiten, wie z. B. LSBTIQ*, Regenbogenfamilien und deren Menschenrechtsverteidiger*innen vor Ort in den Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen Deutschlands explizit zu benennen;
  • umgehend ein Aufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige Geflüchtete aus der Ukraine aufzulegen und umzusetzen;
  • die deutsche Polizei und den Grenzschutz anzuweisen, besonders schutzbedürftige Geflüchtete aus der Ukraine nicht nach Polen, Ungarn, Rumänien, Slowakei oder Moldawien zurückzuschicken, sondern ihnen die Möglichkeit auf ein Asylverfahren in Deutschland zu belassen;
  • sich dafür einzusetzen, dass die EU-Mitgliedsstaaten das “Dublin-Verfahren” aussetzen und stattdessen einem Verteilungsmechanismus für Geflüchtete aus der Ukraine zustimmen;
  • umgehend das BAMF und Mitarbeiter*innen anderer Stellen, die mit Geflüchteten arbeiten, für LSBTIQ*-Themen weiter zu sensibilisieren;
  • Projekten, Initiativen und NROen zu helfen, die in Deutschland LSBTIQ*-Geflüchtete unterstützen, und sicherzustellen, dass ihre Arbeit nicht kriminalisiert wird;
  • humanitäre Hilfe vor Ort zu leisten, um sicherzustellen, dass Geflüchteten die notwendige benötigte medizinische Versorgung zukommt, inklusive HIV-Medikamente und geschlechtsangleichende Hormone;
  • darauf hinzuwirken, dass in Deutschland bei der Verteilung der LSBTIQ*-Geflüchteten auf die Bundesländer die Versorgung mit LSBTIQ*-spezifischer Beratung sowie ihr besonderer Schutzbedarf bei der Unterbringung berücksichtigt wird;
  • die Bundesländer dabei zu unterstützen, dass LSBTIQ*-Geflüchtete in queeren Wohnheimen, Wohnungen etc. untergebracht werden bzw. dass sie in den Massenunterkünften bestmöglich vor Gewalt geschützt sind;
  • die Aufnahme und das Passieren der EU-Grenzen auch Geflüchteten zu ermöglichen, die nicht mit einem in der EU anerkannten Impfstoff gegen COVID-19 geimpft sind;
  • bei der Aufnahme und Anerkennung LSBTIQ*-Geflüchteter aus der Ukraine gleichgeschlechtliche Paare als Familie anzuerkennen;
  • den Geflüchteten zu ermöglichen, das gesamte Verfahren zu durchlaufen, unabhängig davon, ob sie über entsprechende Ausweisdokumente, Impfbescheinigungen oder Nachweise der Verwandtschaft zwischen den Antragsteller*innen verfügen (wenn die Antragsteller*innen als Paare – Ehemann und Ehefrau – oder als Familie – Ehemann, Ehefrau, Kind, Großmutter, Großvater usw. – ankommen).

Zur Spendenseite

Zur Petition

Bündnispartner*innen und Erstunterzeichner*innen der Petition:

Aids Action Europe

Aktionsbündnis gegen Homophobie e. V.

All Out

Berliner Aids-Hilfe e. V.

BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V.

Bundesarbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BafF) e. V.

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Bundesverband Trans* e. V.

CSD Deutschland e. V.

CSD München / Munich Pride

Deutsche Aidshilfe

dgti – Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e. V.

DIE LINKE.queer

diversity München e. V. – LesBiSchwule und Trans* Jugendorganisation

ENOUGH is ENOUGH!

Europäische und Zentralasiatische Jugendvertretung bei ILGA World

FFBIZ – Das feministische Archiv

Intergeschlechtliche Menschen e. V.

Jugendnetzwerk Lambda e. V.

Kölner Lesben- und Schwulentag e. V. – ColognePride

Lesbenberatung Berlin / LesMigraS

Lesben Leben Familie (LesLeFam) e. V.

LesbenRing e. V.

Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V. (LSVD)

LesMamas e. V.

LeTRa Lesbenberatung, Lesbentelefon e. V., München

LeZ – Lesbisch-queeres Zentrum München

Münchner Aids-Hilfe e. V.

Munich Kyiv Queer

Organisation Intersex International Europe

PLUS. Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar e. V. 

Projekt 100% MENSCH gUG

PROUT AT WORK-Foundation

Quarteera e. V.

Queer Amnesty

Queer European Asylum Network – QUEAN

Queer-Future-BW Jugendverband des Netzwerks LSBTTIQ BW

QueerGrün

Queeres Zentrum Mannheim e. V.

Rosa Hilfe Freiburg e. V. 

Rosa Strippe e. V.

Schwulenberatung Berlin

SPDqueer – Arbeitsgemeinschaft für Akzeptanz und Gleichstellung in der SPD

Strong! LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt

SUB – Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum München e. V.

The LGBT life e. V. 

Transgender Europe e. V.

TransInterQueer e. V.

Trans-Kinder-Netz e. V.

TransMann e. V.

Trans*Recht e. V.

Trans*Sexworks

Treffpunkt, Fach- und Beratungsstelle Regenbogenfamilien München

VelsPol e. V.

vielbunt e. V.

Völklinger Kreis e. V.

Wählerinneninitiative Rosa Liste München e. V. 

Wirtschaftsweiber e. V.

WostoQ-Regenbogen e. V.